“Wie kann man jedoch (…) auf die Frage antworten, was anerkennen heißt?
Weder ein naiver Induktionismus, der Zitate ansammelt und daraus die Bedeutung des Anerkennens herauslesen möchte, noch ein dogmatischer Begriffsplatonismus, der Wesenszüge der Anerkennung hypostasiert, können eine Antwort auf diese Frage geben. Der Induktionismus liefert sich hilflos an die schlechte Unendlichkeit des Angesammelten aus, während der Begriffsplatonismus den Wortgebrauch eigentlich leugnet. Im Hinblick auf den eingeübten sozialphilosophischen Wortgebrauch müßte man sagen, daß er das Einheitliche des Anerkennens isoliert und totalisiert: von dem Un-eins-Sein ausgenommen, soll es dieses sich unterwerfen. Auf die Frage zu antworten, was anerkennen heißt, muß folglich dem Versuch gleichkommen, eine stabilisierte und verallgemeinerte Verwendung des Wortes oder des Begriffs zu beschreiben, nicht einen stabilen und allgemeinen Gebrauch; beschreibt man das Anerkennen aber als das offene Verhältnis von zwei unvereinbaren Momenten, ist es unmöglich, die Forderung nach Anerkennung einfach der Sprachinstanz eines anzuerkennenden Subjekts zuzuordnen: In der Spannung des Anerkennens liegt ein Unverfügbares, das es zu einem Geforderten, Aufgetragenen, Geheißenen macht, ohne daß man das Fordern, Auftragen und heißen auf eine Sprachinstanz restlos zurückführen könnte.
Noch die Sprache, in der man das Wort ‘anerkennen’ oder den Begriff der Anerkennung gebraucht, ist als Verhältnis des Unvereinbaren und Unverhältnismäßigen, als Verhältnis stabilisierender und destabilisierender Kräfte, auf ein vom Wiedererkennen unterschiedenes Anerkennen angewiesen, so daß sich dieses in seiner sprachlichen Vermitteltheit nie erschöpft und der sprachliche und begriffliche Unterschied zwischen einem Wiedererkennen und einem Anerkennen nur nachträglich eingeführt werden kann. Die Sprachlosigkeit des Anerkennens ist sein Unvordenkliches, das zum Sprechen anhält.”
—Düttmann, Alexander Garcia (1997): Kultur des Zitats. Was heißt Anerkennen? In ders.: Zwischen den Kulturen. Spannungen im Kampf um Anerkennung. S. 55f. Frankfurt am Main: Suhrkamp.