“Hans würde Don Carlos lesen, und dann würden sie etwas miteinander haben, worüber weder Jimmerthal noch irgend ein Anderer mitreden konnte! Wie gut sie einander verstanden! Wer wußte, - vielleicht brachte er ihn noch dazu, ebenfalls Verse zu schreiben? ... Nein, nein, das wollte er nicht! Hans sollte nicht werden, wie Tonio, sondern bleiben, wie er war, so hell und stark, wie alle ihn liebten und Tonio am meisten! Aber daß er Don Carlos las, würde trotzdem nicht schaden... Und Tonio ging durch das alte, untersetzte Tor, ging am Hafen entlang und die steile, zugige und nasse Giebelgasse hinauf zum Haus seiner Eltern. Damals lebte sein Herz; Sehnsucht war darin und schwermütiger Neid und ein klein wenig Verachtung und eine ganz keusche Seligkeit.”

—Thomas Mann: Tonio Kröger. S. Fischer Verlag, Berlin. 2011. S. 17.

“In meinen Augen verkörperte die Mutter alle Traurigkeit und Zwanghaftigkeit meines Lebens, mit jener Mischung aus Vagheit und Präzision, welche gewisse allegorische Figuren kennzeichnet. Mit anderen Worten: tagelang war sie einfach meine Mutter, eine kleine, vor der Zeit gealterte Frau, und dann machte sie plötzlich, ohne daß sie es merkte, eine Geste, die für meinen ganzen Jammer stand. Zwischen ihr und den kleinen engen Zimmern, die wir bewohnten, stellte sich eine Beziehung ein wie zwischen Körper und Seele. Wenn sie außer Haus war, folgte mir ihr Schatten von Raum zu Raum und verdarb mir das Alleinsein.”

—Julien Green: Der andere Schlaf, München – Wien 1988, S. 54.

“Denn du mußt wissen, Sancho, auf der Welt gibt es zweierlei Stammbäume: Die einen begründen und bilden sich durch Fürsten und Monarchen, an denen nach und nach die Zeit genagt hat, wie bei einer Pyramide, die auf der Spitze steht; die anderen haben ihre Wurzeln im niederen Volk, das jedoch immer höher steigt, bis es zu vornehmer Herrschaft wird; der Unterschied ist, dass die einen waren, was sie nicht mehr sind, und die anderen sind, was sie zuvor nicht waren. Ich könnte dann zu denen zählen, die nach genauer Erkundung einen trefflichen, vornehmen Ursprung haben, womit sich dann der König oder Schwiegervater in spe begnügen müsste. Wenn nicht, dann soll mich eben die Infantin so sehr lieben, dass sie mich auch gegen ihres Vaters Willen und selbst wenn ich nachweislich der Sohn eines Wasserträgers wäre als ihren Gebieter und Gemahl anerkennt. Und sollten alle Stricke reißen, kommt ins Spiel, dass ich sie immer noch rauben und entführen kann, wohin mir nur beliebt, denn Zeit oder Tod werden den Zorn ihrer Eltern schon bezwingen.”

—Miguel de Cervantes Saavedra: Der geistvolle Hidalgo Don Quijote von der Mancha, herausgegeben und übersetzt von Susanne Lange, München 2008, S. 206f.

“Will man von einem Anerkennen sprechen, muß man eine wie immer auch ungestüme Einheit des Begriffs annehmen und einen grundsätzlich unabschließbaren Kampf um den Begriff der Anerkennung, um deren begriffliche Einheit und um die Deutung der Differenz(en) im anerkennenden Verhältnis. Man muß, um eine traditionelle philosophische Terminologie zu bemühen, die Vernunft als den Anfang des Verstandes ansetzen (Förster, passim) und zugleich den Anfang als den geteilten einer unbeherrschbaren Willkür oder einer radikalen Kontingenz denken. Eine Hermeneutik des Anerkennens gibt es nur, wenn die hermeneutische Anstrengung nicht an der synthetisierenden Idee eines letzen Horizonts der Interpretationen sich ausrichtet und die wesentliche Offenheit und Vielfalt der Horizonte anerkennt; eine Analytik des Anerkennens gibt es nur, wenn die Zerlegung in Elemente nicht an der Idee einer bestimmenden Einheit des Zerlegten sich ausrichtet und die wesentliche Aussetzung und Unbestimmbarkeit der Einheit anerkennt. ”

—Düttmann, Alexander Garcia (1997): Kultur des Zitats. Was heißt Anerkennen? In ders.: Zwischen den Kulturen. Spannungen im Kampf um Anerkennung. S. 55. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

“Sie weiß nicht, welcher Tag heute ist. Ihr Geburtstag. Sie erkennt mich nicht. Ich, die fremde Frau, lächle. Sie macht Anzeichen, die Augen zu öffnen. Ihre Mimik lächelt nicht. Ihre Haut ist steif wie unelastisches Plastik. Sie haben viel Haut transplantiert. Diesen Kampf muß sie alleine kämpfen. Es hängt von ihr ab, wie lange er dauert und wie er geht. Das Koma kann dauern. Ungewiss, ob ein paar Tage oder immer. Ich, die fremde Frau, sehe sie durchs Sauerstoffzelt wie durch leicht bewegtes klares Wasser.”

—Elfriede Czurda: Weisser Geruch, in: Dies.: Krankhafte Lichtung. 3 wahnhafte Lieben, Berlin 2007, S. 7.

“Wie kann man jedoch (…) auf die Frage antworten, was anerkennen heißt? Weder ein naiver Induktionismus, der Zitate ansammelt und daraus die Bedeutung des Anerkennens herauslesen möchte, noch ein dogmatischer Begriffsplatonismus, der Wesenszüge der Anerkennung hypostasiert, können eine Antwort auf diese Frage geben. Der Induktionismus liefert sich hilflos an die schlechte Unendlichkeit des Angesammelten aus, während der Begriffsplatonismus den Wortgebrauch eigentlich leugnet. Im Hinblick auf den eingeübten sozialphilosophischen Wortgebrauch müßte man sagen, daß er das Einheitliche des Anerkennens isoliert und totalisiert: von dem Un-eins-Sein ausgenommen, soll es dieses sich unterwerfen. Auf die Frage zu antworten, was anerkennen heißt, muß folglich dem Versuch gleichkommen, eine stabilisierte und verallgemeinerte Verwendung des Wortes oder des Begriffs zu beschreiben, nicht einen stabilen und allgemeinen Gebrauch; beschreibt man das Anerkennen aber als das offene Verhältnis von zwei unvereinbaren Momenten, ist es unmöglich, die Forderung nach Anerkennung einfach der Sprachinstanz eines anzuerkennenden Subjekts zuzuordnen: In der Spannung des Anerkennens liegt ein Unverfügbares, das es zu einem Geforderten, Aufgetragenen, Geheißenen macht, ohne daß man das Fordern, Auftragen und heißen auf eine Sprachinstanz restlos zurückführen könnte. Noch die Sprache, in der man das Wort ‘anerkennen’ oder den Begriff der Anerkennung gebraucht, ist als Verhältnis des Unvereinbaren und Unverhältnismäßigen, als Verhältnis stabilisierender und destabilisierender Kräfte, auf ein vom Wiedererkennen unterschiedenes Anerkennen angewiesen, so daß sich dieses in seiner sprachlichen Vermitteltheit nie erschöpft und der sprachliche und begriffliche Unterschied zwischen einem Wiedererkennen und einem Anerkennen nur nachträglich eingeführt werden kann. Die Sprachlosigkeit des Anerkennens ist sein Unvordenkliches, das zum Sprechen anhält.”

—Düttmann, Alexander Garcia (1997): Kultur des Zitats. Was heißt Anerkennen? In ders.: Zwischen den Kulturen. Spannungen im Kampf um Anerkennung. S. 55f. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
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