“F A D I N G. Schmerzliche Prüfung, bei der das geliebte Wesen sich von jedem Kontakt zurückzuziehen scheint, ohne daß diese rätselhafte Gleichgültigkeit gegen das liebende Subjekt gerichtet oder zugunsten dessen geltend gemacht würde, was sonst im Spiel ist, Welt oder Rivale. 1. Im Text ist das Fading der Stimmen eine willkommene Angelegenheit; die Stimmen der Erzählung kommen, gehen, verhallen, durchkreuzen einander; man weiß nicht wer spricht; es spricht, das ist alles: kein Bild mehr, nichts als Sprache. Aber der Andere ist kein Text, er ist Bild, eines und verwachsend; wenn die Stimme sich verliert, verflüchtigt sich auch das ganze Bild (die Liebe ist monologisch besessen; der Text ist heterologisch, pervers). [...] 2. Es gibt Alpträume, in denen die Mutter auftaucht, das Antlitz zu einer strengen und kalten Miene verdüstert. Das Fading des Liebesobjektes ist die schreckliche Wiederkehr der Bösen Mutter, der unerklärliche Rückzug der Liebe, die bekannte Verlassenheit der Mystiker: Gott existiert, die Mutter ist da, aber sie liebten nicht mehr. Ich bin nicht zerstört, aber da liegengelassen wie ein Stück Abfall. 3. Die Eifersucht bereitet weniger Leiden, denn der Andere bleibt dabei lebendig. Im Fading dagegen scheint der Andere jede Begierde fahren zu lassen, er wird von der Nacht aufgesogen. Ich bin vom Anderen verlassen, aber dieses Verlassensein vermehrt sich um das Verlassensein, von dem er selbst betroffen ist; sein Bild ist von der verwaschenen, abgelegten Art; ich kann an nichts mehr Rückhalt finden, nicht einmal mehr an der Begierde, die der Andere anderswohin richtet: ich bin in Trauer um ein Objekt, das selbst trauert (von daher wird verständlich, in welchem Maße wir der Begierde des Anderen bedürfen, selbst wenn diese Begierde nicht uns gilt). 4. Wenn der Andere im Fading versinkt, wenn er sich zurückzieht, um nichts, es sei denn um einer Angst willen, die er nicht anders zum Ausdruck bringen vermag als mit den dürftigen Worten: 'ich fühle mich nicht wohl', scheint er in einem Nebel in die Ferne zurückzuweichen; durchaus nicht tot, aber eine verschwommene Gestalt im Reiche der Schatten; Odysseus hat ihnen einen Besuch abgestattet, sie beschworen (Nekyia); unter ihnen weilte der Schatten seiner Mutter; ich nenne, ich beschwöre so den Anderen, die Mutter, aber was da heraufkommt, ist lediglich ein Schatten. [...]”
—Roland Barthes: Fragmente einer Sprache der Liebe. Übersetzt von Hans-Horst Henschen. Frankfurt am Main 1988, S. 106ff.“Es ist für das Selbstbewußtsein ein anderes Selbstbewußtsein; es ist außer sich gekommen. Dies hat die gedoppelte Bedeutung: erstlich, es hat sich selbst verloren, denn es findet sich als ein anderes Wesen; zweitens, es hat damit das Andere aufgehoben, denn es sieht auch nicht das Andere als Wesen, sondern sich selbst im Anderen.”
—Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Phänomenologie des Geistes. Werke 3. Suhrkamp. Frankfurt am Main 1986. S. 146.Logbuch, Apples Abwesenheit Tag 3: Der Himmel weint
Sehnsucht ist fett geworden … achja …
Wir schreiben den 19.09.2012.
Der Himmel weint. Schon seit dem Aufstehen am frühen Morgen regnet es und die Temperaturen sind kühl. Ebenso kühl werden die Herzen der Mannschaft und Depressionen stellen sich zum Teil ein.
Zwar erledigt jeder Matrose noch fleißig seinen Job, aber alle Gedanken drehen sich nur noch um das wiedersehen unserer Heimat. St.Apple.
Ich muss auf meine Mannschaft achten, denn ich befürchte das die ersten bald …
Herein? … Was? … Ähm, ja klar.
Sehnsucht kam herein. Weil er St.Apple hörte bekam er hunger auf einen Apfel … Freitag fliegt er von Bord …
Logbuch, Apples Abwesenheit Tag 4: Die letzte Nacht
20.09.2012, nur noch einmal schlafen.
Eigentlich ist die Crew sowieso schon den ganzen Tag am schlafen gewesen. Sehnsucht konnte sich ruhig auf Deck austoben. Hat ja eh keiner mitbekommen. Und morgen sind wir ihn endlich los.
Morgen hören wir dann auch endlich wieder die herliche Stimme von Apple. Ob wir allerdings auch anlegen, oder ob dies erst nächste Woche geschehen wird, steht noch nicht fest. Wir werden sehen. Zumindest wird Sehnsucht wieder zu Amore, und Göttin Fortuna wacht erneut über uns.
“Meine Existenz ist eine andere, ich existiere nur, wenn ich schreibe, ich bin nichts, wenn ich nicht schreibe, ich bin mir selbst vollkommen fremd, aus mir herausgefallen, wenn ich nicht schreibe. Wenn ich aber schreibe, dann sehen Sie mich nicht, es sieht mich niemand dabei. (…) Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran, und nur das Veröffentlichte, die Bücher, werden sozial, assoziierbar, finden einen Weg zu einem Du, mit der verzweifelt gesuchten und manchmal gewonnenen Wirklichkeit.”
Bachmann, Ingeborg (1978): Rede zur Verleihung des Anton-Wildgans-Preises. In: Werkausgabe Band 4. Essays, Reden, Vermischte Schriften. S. 294. München und Zürich: Piper.
“Die Weise des Genusses, des aufnehmenden Verhaltens zur Produktion, der eigenen wie der des Anderen, hängt davon ab, wie wir produzieren, nicht umgekehrt. Produzieren wir als Menschen, dann heißt das allerdings ganz unmittelbar und keineswegs erst im Sinne einer Folgeerscheinung, daß unser Genuß ein anderer ist als bei der entfremdeten Produktion. Schon unsere Produktion selbst ist dann Genuß - insofern könnte andererseits auch von einem Vorrang des Genusses gesprochen werden; denn er bedeutet, sowohl in der Hervorbringung (Produktion) wie im Gebrauch (Genuß), die eigentliche Qualifikation des nicht-entfremdeten, menschlichen, d.h. gesellschaftlichen Produzieren. (…) Die im Rahmen menschlicher Verhältnisse geschehende Produktion läßt mich zum einen mich selbst, meine ‘freie Lebensäußerung’, mein Leben genießen, insofern tätig zu sein und gegenständlich zu werden für mein Sein und Leben selbst konstitutiv ist. Zugleich genieße ich damit zum anderen gewissermaßen dieses Genießen selbst; ich genieße es, mich als tätig, machtvoll, meine Individualität realisierend zu wissen und zu bejahen.”
Guzzoni, Ute (1981): Identität oder nicht. Zur Kritischen Theorie der Ontologie. S. 186f. Freiburg/München: Karl Alber.