Dezisionismus und Universalismus

Aufbauend auf der Willkür in der Klassifizierung männlicher und weiblicher Attribute, wie es in meinem letzten Beitrag dargestellt wurde, wäre es interessant zu untersuchen, wo sich dieses darin offenbarende Dezisionistische im gesellschaftlichen Kontext noch zeigt und inwiefern es Relevanz für die Begründung universalistischer Standpunkte hat.

So stellt Alain Badiou am Beispiels des Apostel Paulus den christlichen Universalismus ausgehend von seinem Messias-Ereignis als subjektive Erfahrung dar, dem gegenüber sich jener zu einer besonderen Treue verpflichtet hat:

"Das, was wahr ist […], lässt sich auf keine objektive Menge zurückführen, weder nach seiner Ursache noch nach seiner Bestimmung. […] worauf es ankommt, ist die subjektive Geste in ihrer gründenden Macht […]."

— Alain Badiou, Paulus. Die Begründung des Universalismus. Diaphanes, 2002, S. 13f.

"Alles wird [bei] Paulus auf einen einzigen Punkt zurückgeführt: Jesus, […] Sohn Gottes […] ist am Kreuz gestorben und auferstanden. Das andere, alles andere, ist ohne reale Wichtigkeit. Ja man kann sogar sagen, dass dieser Rest (was Jesus gesagt und getan hat) nicht das Reale der Überzeugung ist, sondern sie behindert, ja verfälscht.”

— ebd., S. 64f.

"Das Messias-Ereignis wird somit zu einem durchschlagenden Moment einer neuen Wahrheit, die zur Zeit von Paulus — d.h. in der politischen Situation seiner Zeit — weder vom griechisch-römischen Diskurs der Philosophie, noch vom religiösen Diskurs des Judentums vor dem Moment der Ereignung hätte begriffen werden können. Mit dem Messias-Ereignis macht sich daher etwas Platz, was aus der Geste des Platzmachens selbst und nicht aus der bestehenden soziokulturellen Episteme entsteht. Die Konversion von Paulus markiert in ihrer Plötzlichkeit diese Radikalität der Unvereinbarkeit seiner beiden Identitäten als Saulus und Paulus. Paulus, der sich in seinen Briefen als Apostel Jesu an die frühchristlichen Gemeinden wendet, hat nichts mehr gemein mit dem ehemaligen Pharisäer aus dem Stamme Benjamin. Der für Badiou zentrale Aspekt ist dabei die radikale Ich-Bezogenheit des Wahrheitsereignisses, die im Zentrum der Messias-Begegnung bei Paulus steht.”

— Dominik Finkelde, Politische Eschatologie nach Paulus. Badiou - Agamben - Žižek - Santner, Turia + Kant, 2009, S. 28 - 29.

Es gilt für mich selbst zu klären, inwiefern obiger Ansatz im Rahmen linker Revolutionstheorien aufgegriffen wird. Ich glaube mich dunkel daran erinnern zu können, bei Walter Benjamin sowie Carl Schmitt ähnliches gelesen zu haben. Soweit ich weiß, standen beide miteinander in Briefkontakt.

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Rick Derringer - Real American

Die Entstehung des Staates beschreiben heisst die Entstehung eines Mikrokosmos beschreiben, der innerhalb der sozialen Umwelt vergleichsweise autonom ist und in dem ein eigenen Spiel stattfindet: das legitime politische Spiel.
[…]
Wer am Spiel des legitimen, regelkonformen Politischen teilnimmt, gewinnt Zugang zu einer wachsenden Ressource: der des ‘Universellen’. Er kann in universeller Rede universelle Standpunkten [sic] vertreten - im Namen aller, im Namen des Universums, im Namen der Gesamtheit einer Gruppe. Er kann als Anwalt des Gemeinwohls auftreten, davon reden, was gut ist für die Allgemeinheit - und es sich im gleichen Atemzug aneignen.
Hier liegt der Ursprung des Phänomens der Zweischneidigkeit, die Janusköpfigkeit der Universalität: Manche Leute verfügen privilegiert über das Universelle, aber man kann das Universelle nicht haben, ohne es zu vereinnahmen und zu monopolisieren. Es gibt ein Kapital des Universellen.
—  Pierre Bourdieu “Sur l’Etat. Cours au collège de France 1989-1992”, Paris (Raisons d’Agir/Le Seuil) 2012. Aus dem Französischen von Bernd Schwibs, in: Le Monde diplomatique, Nr. 2/18. Jg. vom Februar 2012, S. 3
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