Klapptisch, Bambus, Weiss (von Ikeas kollektion PS 2012)

Tischplatte aus sehr robustem Bambusmaterial. Tisch mit schmalem, klarem Zuschnitt für leichtes Möblieren auch bei wenig Platz.

Länge: 106 cm
Länge mind.: 74 cm
Länge max.: 138 cm
Höhe: 74 cm
Breite: 80 cm

80 euro

Trainspotting

Reden, was heißt das überhaupt. Den Mund öffnen, die Luft kommt aus den viel zu matten Lungenflügeln, die Stimmbänder produzieren Laute. Der Mund, die Lippen formen Worte, klagen, schreien, flehen. Das Schwierigste sind die Fragen. Der Kopf kommt nicht mehr mit, zu viele Fragen, wer bist du, was haben wir gemeinsam und was nicht, können wir uns berühren, vielleicht besser nicht, Reihenfolge beliebig. Der Kopf setzt irgendwann aus, dann kollabieren die Lungen, die Luft verlässt lautlos, kraftlos den Körper und plötzlich liegt man auf dem Tisch, leblos, die Arme ausgebreitet, die Hände umklammern die Tischkante, Stirn und Nase hinterlassen schmierige Abdrücke auf dem glatt polierten Holz. Es ist vorbei. Das war die erste Verabredung, so viel gespielt, mit falschen Karten und pochendem Herzen, um diesen Tag zu erreichen, und dann endet es doch auf dieser Tischplatte und dem Gedanken „Wir müssen intubieren!“, weil man vorher seine Nervosität mit amerikanischen Arztserien bekämpfen wollte. Ein Luftröhrenschnitt wäre kein Problem gewesen. Nur ein Problem, dich kennen zu lernen. Dich kennen, was heißt das überhaupt. Ich kenne dich doch schon lange, ohne dass du meine Existenz überhaupt erahnen konntest. Ich wusste, in welchen Zug du morgens steigst, um zur Arbeit zu fahren. Montag bis Freitag, 7:16 Uhr, Ostbahnhof und ich hinter der fleckigen Scheibe des Wartesaals, hoffend und spähend, du mit einer Zeitung unter dem Arm, du trugst im Winter einen grünen Mantel, im Sommer karierte Pullover, blau-weiß meist, die Haare kurz, glatt rasiert. Um fünf Uhr früh klingelte mein Wecker, um dem alten, müden Mann am Kiosk deine Zeitung aus den Händen zu reißen, begierig zu erfahren, was du bald lesen würdest. Ich trank den gleichen Kaffee wie du, stand so oft hinter dir, als du ihn beim Bäcker bestellt hast, ein großer Kaffee, ohne Milch und ohne Zucker, 1,30 €. Nach jedem Kaffee wurde mir schwindelig, nur mit Mühe hielt ich mich aufrecht, um dich beobachten zu können, du trankst ihn gierig, dazu eine Zigarette, blaue Schachtel, 17 Zigaretten für 3,90 €. Nie ein Brötchen, nie eine Puddingschnecke, während mein Magen sich zusammenzog, zogst du an einer Zigarette, achtlos, ein sechster Finger an deiner linken Hand. Ich kaufte mir Fahrkarten, viele Fahrkarten, ich stieg in den gleichen Zug, fuhr vier Stationen mit, eine Station weiter als du, mal hinter dir sitzend, mal vor dir. Angespannt. Leer, ohne jede Bodenhaftung. Ich roch dein Parfum, das sich in Zeitung, Kaffee und Zuggeruch mischte. Hörte deinen Namen, als du dich am Telefon melden musstest, hörte deine Stimme, sie war warm und leise und noch ein wenig schläfrig. Jakob. Jakob, der schönste Mann der Welt, den ich eines Tages entdeckt hatte, zufällig warst du mir über den Weg gelaufen und ich fasziniert von dem Mann, dem genauen Gegenteil von mir, du saßt im Café am Nachbartisch und alles an dir so fein und klug und ernst, ich plump und ungeschickt, prompt meinen Kaffee auf die Tischplatte kleckernd. Ich habe dich entdeckt und du hast mich nicht bemerkt, wie oft wir uns in dieser kleinen Stadt über den Weg gelaufen sind, nie hast du mich gesehen, nie gespürt, wie mein Herz sich vor Sehnsucht wehrte, in meinem Körper zu bleiben, wollte zu dir und dir gehören, ohne dich zu kennen, es ist so viel leichter zu lieben, ohne sich zu kennen. Es ist so schwer, mich zu lieben, wenn man mich kennt. Irgendwann war es mir über, in dieser unbekannten Stadt auszusteigen, durch die ich täglich ziel- und orientierungslos streifte, ich stieg zusammen mit dir aus, folgte dir, mit klopfendem Herzen. Ich liebte deine Schritte, dein Schlenkern mit den Armen. Du hast dich niemals umgedreht. Ich sammelte Quittungen, die du achtlos wegwarfst, aus dem Müll, am 27. Oktober warst du einkaufen, Äpfel, Zwiebeln, Nudeln, Schokolade und eine Flasche Fanta, seitdem kaufte ich nur noch in dieser Supermarktkette ein, immer in der Hoffnung, du stündest plötzlich vor mir, lächelnd, im Regal mit den Tütensuppen. Du musst mich doch auch kennen. Doch ich blieb unentdeckt, allein, brennend in dem Wunsch, deine Stimme einmal meinen Namen sagen zu hören. Ein Anderer klopfte an meine Tür und bat mich, bleiben zu dürfen, ich schickte ihn weg und kaufte mir dunkelgrüne Farbe. Jakob, schrieb ich mit einem breiten Pinsel an die weiß getünchte Wand. Die Farbe hinterließ Spritzer auf dem Sofa und auf dem Teppichboden. Drei Tage später schämte ich mich, doch die Farbe blieb, so wie alles blieb, wie auch die Zeitung, der Kaffee und die Züge. Es wurde Winter, du trugst manchmal eine schwarze Pudelmütze, sie stand dir nicht. Ich kaufte mir Handschuhe, stand frierend am Gleis, der Kaffee im hellbraunen Pappbecher wurde zu schnell kalt. Eines Morgens fiel so viel Schnee, dass die Gleise blockiert waren, unschlüssig stand ich auf dem Bahnsteig, frierend, du sahst immer wieder auf die Uhr, ärgerlich und unruhig. Sahst dich um, sahst mich an, mein Herz blieb stehen. Zwei Schritte auf mich zu, noch einer, du standst vor mir. „Du fährst doch jetzt auch nach…“ Nicken. Eine Atemwolke vor deinem Mund. „Wollen wir uns vielleicht ein Taxi teilen?“ Kammerflimmern. Monate, vielleicht Jahre hinter dir, immer unsichtbar und Liebe in Gedanken und plötzlich, du sahst mich an, deine Augen in meinen spiegelnd, ich weiß nicht mehr, wie ich mich aufrecht halten konnte. Schwindelnd unter deinen Blicken, dein Lächeln, ein brausender Ozean in meinem Kopf, keine Zeitung bei mir, hinter der ich mein Gesicht verstecken könnte. Auf mich allein gestellt, auf dich und mich, du freundlich lächelnd, ich halb tot. So gehofft, mit dir zu reden, deine Stimme zu hören, die einmal meinen Namen sagt. Nebeneinander auf dem Rücksitz, ich sah krampfhaft aus dem Fenster, bloß nicht deinem Blick begegnen. Ein Kloß im Hals, der auch durch Räuspern nicht zu besiegen war. Draußen die weiße Landschaft und in mir der Wunsch, aus dem fahrenden Auto zu springen und mich im Schnee zu vergraben. Die Augen des Taxifahrers im Rückspiegel, dein Atem, leise, mir war schwindelig. Zu viel, zu plötzlich. Das Taxi hielt an der Straßenecke vor deinem Büro, wortlos hielt ich dem Fahrer einen Geldschein hin, 46,50 € für zu lange Minuten Schweigen, aussteigen, tief Luft holen, dich einmal ansehen. Und unsere Blicke, sie trafen sich. „Ich bin früh dran, hast du vielleicht noch Zeit für einen Kaffee?“ Es ist viel leichter zu lieben, ohne zu sprechen, zu lieben hinter schmierigen Glasscheiben und auf Bahnsteigen, zu lieben, ohne geliebt zu werden, ohne gehasst zu werden. Und all die Umwege und Verfolgungen, falsch gespielt und mich selbst verraten, wollte ich dich jemals kennenlernen? Die Chance zum Greifen nah und kein Wort kommt über meine Lippen, Jakob mir gegenüber, freundliche Fragen, die sich in das Stimmengewirr des Cafés mischen. Wer bist du, was machst du und warum spielt sich dein Leben an diesem Bahnhof ab. Ich sitze stumm da, mit offenem Mund und leerem Blick und leerem Kopf, wir sind näher zusammen und weiter voneinander entfernt, als wir es je waren. Wir können uns nicht kennenlernen, ich kann dich nicht kennenlernen, mir bleibt nur der Gedanke, die Idee, die ich von dir habe.

Ich meide die Bahnhöfe.

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