theodizee

Das Erdbeben von Lissabon reichte hin, Voltaire von der Leibniz'schen Theodizee zu kurieren, und die überschaubare Katastrophe der ersten Natur war unbeträchtlich, verglichen mit der zweiten, gesellschaftlichen, die der menschlichen Imagination sich entzieht, indem sie die reale Hölle aus dem menschlich Bösen bereitete. Gelähmt ist die Fähigkeit zur Metaphysik, weil, was geschah, dem spekulativen metaphysischen Gedanken die Basis seiner Vereinbarkeit mit der Erfahrung zerschlug.
—  Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften, Bd. 6, Negative Dialektik, Dritter Teil: Modelle, S. 354, Frankfurt/M. 2003.
Ist Gott gerecht?
Liebe Gemeinde! Wie manche von Ihnen wissen, arbeite ich seit vielen Jahren beim Roten Kreuz. In dieser Zeit habe ich schon viele Schicksale erlebt. Ganz besonders erinnere ich mich an einen Fall aus dem Jahr 2012, als ich zusammen mit einem Kollegen zu einem vollendeten Suizid gerufen wurde: Ein vierzehnjähriger hatte sich bei Feucht vor einen ICE geworfen. Wir gingen dann zu der Familie und überbrachten zuerst den Eltern, dann der 7jährigen Schwester, den Großeltern, den Nachbarn und schließlich deren Sohn, dem besten Freund des Verstorbenen, die Todesnachricht, zusammen mit der Kriminalpolizei. Aus dieser und vielen anderen Situationen kenne ich die quälende Frage nach dem „Warum?“. Warum musste er sterben? Warum wollte er sterben? Warum hat er nicht mit uns gesprochen? Und: Warum hat Gott das zugelassen? In meiner medizinischen Ausbildung lernte ich immer wieder, diese Frage nach dem „Warum“ stehen zu lassen, darauf weder eine Antwort zu suchen noch eine zu geben. Aber mich als Theologen befriedigt das nicht. Ich will wissen: wie ist das mit Gott? Wie verhält er sich? Warum lässt er all das zu? Er ist doch allmächtig, warum kann er das ganze Leid nicht beenden? Ist er etwa doch nicht allmächtig? Und die Liste der schlimmen Dinge in der Welt ließe sich endlos fortsetzen, nicht nur dieser tragische Fall im Dienst, nein, auch im Roten Kreuz unter meinen Kameradinnen und Kameraden gab es vor knapp zwei Jahren ein schlimmes Unglück, als vier Kameraden, darunter einer meiner Lehrer, mit einem Hubschrauber tödlich verunglückten. Und ich frage mich heute noch: Warum ließ Gott das zu? Warum mussten diese vier wirklich guten Menschen sterben? In der Geschichte gab es viele Versuche, die Frage nach der „Gerechtigkeit Gottes“ zu beantworten. Aber letztendlich stehe ich immer wieder vor dem Problem, dass ich nicht in Gottes Karten schauen kann. So sehr ich mich bemühe, und ich muss das tun! So sehr sehe ich mich scheitern, bei dem Versuch, ihn zu verstehen. Denn: Ich bin Geschöpf. Und Gott ist mein Schöpfer, und genau so wenig, wie ein Tongefäß den Töpfer oder ein Auto den Ingenieur versteht, so wenig verstehe ich Gott. Aber es bleibt die quälende Frage nach dem „Warum?“. Jeder, der kleine Kinder oder kleine Geschwister hat oder hatte, der weiß, wie es ist, wenn die Kleinen mit der „Warum?“-Phase anfangen. Warum ist der Himmel blau? - Weil gewisse Farben des Sonnenlichts von der Atmosphäre absorbiert werden. - Warum? So - oder vielleicht noch schlimmer - bohrt auch die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes in mir. Der heutige Predigttext gibt mir darauf keine genaue Antwort, er macht mir lediglich deutlich, dass ich die Rolle des Anklägers, des Angeklagten und des Richters nicht vertauschen darf. Im Text stilisiert Paulus eine Rede und lässt die Menschen fragen: „19b Warum beschuldigt er uns dann noch? Wer kann seinem Willen widerstehen?“ - und Paulus antwortet: „20 Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, dass du mit Gott streiten willst?“ Und es folgt die Analogie mit dem Tongefäß, die ich gerade schon benutzt habe. Und so komme ich zu dem Schluss: Ich bin der Angeklagte, nicht der Ankläger, und Gott, der ist der Richter. Ein Richter richtet nach dem Gesetz, und ebenso richtet Gott nach seinem Gesetz, wie es uns überliefert wurde im alten Testament. Gott war von Anfang an klar, dass die Menschen, die er geschaffen hatte, unter seinem Gericht für immer verlorengehen würden, dass die Menschen der Sünde wegen das Gesetz brechen würden, dass alle Menschen sterben würden. Das entsprach ganz seiner Gerechtigkeit. Er wollte und will sein Recht, sein Gesetz, durchsetzen und er tut überhaupt gar nichts Falsches, wenn er die Menschheit wirklich dem ewigen Tod übergibt. Doch dieses Schicksals wegen rührt ihn das Erbarmen und er hat Mitleid mit uns. Er möchte deutlich machen, dass er trotz seines gerechten Zorns Menschen aus dem Verderben rettet, quasi herauszieht. Er ist nicht dazu verpflichtet. Kein Gesetz zwingt ihn dazu! Und selbst wenn ich dürfte, könnte ich ihn nicht verurteilen. Wie kann ich dann über Gott richten? Das ist überhaupt unmöglich! Ich muss mich selbst richten lassen und Rechenschaft ablegen gegenüber meinem Richter, gegenüber Gott, der DAS mit Fug und Recht verlangt. Und ich muss mich dem Urteil beugen, dass er spricht, und es dankbar annehmen. So singt auch Mahalia Jackson, eine Soul- und Gospelsängerin aus den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Ich habe Ihnen den Text austeilen lassen, lesen Sie ihn mal kurz an, die erste Strophe genügt schon, den Rest können Sie sich quasi als Nachtisch oder Anregung für das persönliche Gebet Zuhause aufheben. Die Grundaussage des Liedes ist für mich: „Herr, bewege nicht den Berg, sondern gib mir die Kraft, ihn zu erklimmen.“ Für mich steckt darin etwas Wahres: ich muss das Leid annehmen, denn es gehört zu der Welt dazu, so wie das Gute, und Gott wollte es genau so. Lediglich seine Gnade, auf die ich keinen Anspruch habe, errettet mich. Mein Glaube an den Auferstandenen, an den Christus, an seinen Tod, macht mich frei. Gott ließ seinen Sohn für meine Schuld sterben, und bezwang so den ewigen Tod und wurde damit seiner eigenen Logik gerecht. Dies tat er nicht einfach so, sondern weil er Mitgefühl mit den Menschen hatte, weil es ihn reute, sie so preisgeben zu müssen. Und deshalb darf ich ich mir sicher sein, dass ich dieses Leid in der Welt, so schlimm ich es auch finden mag, genau so wenig wie Gott beenden kann, sondern nur überwinden, überwinden mit dem Glauben an Gottes Gnade. Es ist leicht, Gott anzuklagen, wenn ich mich selbst nicht in der Pflicht sehe, auch etwas zu tun. Ich muss selbst etwas tun und Gott gibt mir die Kraft dafür. Die Welt ist so, wie Gott sie schuf und was passiert ist sein Plan. Aber ich muss damit zurecht kommen und ich kann mir sicher sein, dass seine Gnade mich erlöst, und dass er mich befähigt, zu tun, was er mir geboten hat. Und dieser Glaube an Gottes Gnade, der gibt mir die Hoffnung. Die Hoffnung an ein Leben hinter dem Leid, an ein neues Leben, an einen Zustand, in dem wir alle versöhnt sind mit Gott, die Sünder wie die Gerechten. Die Hoffnung auf einen Ort, an dem es kein Leid mehr gibt. Wir dürfen hoffen, dass - wenn wir glauben - wir erlöst werdenUnd dass wir nicht dem ewigen Tod anheim fallen werden, und dass Gott uns liebt. Und weil er gnädig ist mit uns, wird er uns erretten. Nicht, weil er muss! Sondern, weil er will. Weil er uns liebt! Also, nehme ich „den schweren Kelch, den bittern, des Leids gefüllt bis an den höchsten Rand“ dankbar und ohne Zittern, aus Gottes guter und geliebter Hand. Amen.