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Berlin-Ostkreuz, Freitagabend

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Die Luft ist noch hitzig. Ein Vorhang öffnet sich. Die Sonne flirrt wie ein Scheinwerfer knapp durch die gusseisernen, schmuddeligen Säulen des Bahnhofs hindurch, die das schäbig schöne Dach tragen und bereits lange Schatten wie Figuren auf das Pflaster werfen.


Ein Pärchen schmeißt einige Groschen in einen Münzschlitz und krabbelt Kopf einziehend in die übelriechende Farbfotobox. Neckisch schieben sie sich in die richtige Postion und ziehen die Gardine zu. Ein älterer Herr mit Violine und einer schweren, ledernen Aktentasche lächelt ihnen schwelgerisch hinterher.

Der Zielanzeiger flattert. S3 nach Erkner.

Eine Mutter mit Wickeltuchsäugling watschelt auf ihren noch verschwollenen Wasserfüßen vom Ring herunter an einer Schulclique Mädchen vorbei, die albern vor sich hingackern, direkt auf eine der hölzernharten Wartebänke zu und erdrängelt sich einen Platz. Ein Mann mit Schnauzbart stöhnt in seine graue, abgegriffene S-Bahnzeitung. Nervös leckt er sich die Finger feucht und grabbelt weiter durch die Seiten. Sie warten – beobachten verschwörerisch einen Buben in ihrer Nähe. Die verfilzten, blonden Haare auf seinem Kopf erinnern an alte, zu dick geschnittene Pommes und bereiten ihr sichtlich Unbehagen.

Seine Wangen sind ganz bleich. Er knibbelt sich in den Hosentaschen herum, kaut auf seiner Lippe, wischt sich den Schweiß von der Stirn. Aus den Augenwinkeln hat er ihren aufdringlichen Blick bemerkt. Man spürt, dass er sich unwohl fühlt. Auch er wartet.

Erkner ist noch nicht da.

Am Gleis gegenüber stehen die Menschen dicht an dicht. Eine ältere Dame klemmt sich ihre Einkaufstüte zwischen die Beine, das Silbergrau ihrer Dauerwelle schillert im untergehenden Sonnenlicht. Der Herr mit der Geige wird aufmerksam, der schwelgende Blick wird zu einem träumerischen. Er macht diesen Augenblick zu ihrem Moment. Er setzt den rosshaarigen Bogen sanft an die zum Reißen gespannten Saiten. Sie fährt mit ihrer matten Hand über ihr Haar und richtet ihre konservative Frisur. Eine liebliche Melodie aus seiner Violine schleicht sich schmeichelnd an ihr Ohr. Damenhaft hebt sie das Kinn, streicht die Falten aus dem perfekten, purpurnen Kostüm, die Glasperlen an ihrem Dekolleté klingen flüsterleise aneinander, wenn sie den Hals nach ihm wendet. Er strahlt sie an. Sie räuspert sich genierlich und schlägt die Augen auf. Der Perlenglanz bricht sich darin. Er lässt die letzten Takte langsam ausklingen und applaudiert ihr mit einem Lächeln. Sie genießt das warme Gefühl der Scheinwerfer auf ihrer Haut.

Lichtenberg fährt ein und beendet ihren Auftritt abrupt. Fünf graue Täubchen fliegen aufgeschreckt davon und landen auf dem Dach einer ramschigen Würstchenbude. Ein dicker Junge mit kurzer Hose bestellt sich gerade eine fettige Currywurst.

Die Verkäuferin grinst und verschwindet hinter einem Regal prallvoll mit schillernden Keramikkatzen und staubigen Glaselefanten. Ein Lichtkegel fängt sie auf ihrer winzigen Bühne ein. Mit der Grazie einer adipösen Ballerina tanzt sie durch die drei Quadratmeter Verkaufsfläche, greift blind nach ihren Utensilien. Brutzelt, schnippelt und flatscht die Ingredienzien auf die Papppfanne. Hungrig reibt der Kleine sich mit seinen schmutzigen Fingerchen um den wässrigen Mund. Noch einmal dreht sie eine letzte Pirouette und wirft ein grünes Gäbelchen auf die in Ketschup ertrinkenden Fleischbrocken. Dann verneigt sie sich, blickt in die niedergehende Sonne und verlässt ihre Bühne. Es wird kühler.

Lichtenberg ist rappelvoll, das Signal tönt und ein Türke stemmt sich zwischen die Türen der Bahn. Sein Freund hüpft gerade so herein, es rummst und Lichtenberg fährt ab. Verschwindet irgendwo hinter Häusern und hinterlässt einen geleckten Bahnsteig im rosarot der sich verabschiedenden Sonne.

Erkner ist noch immer nicht da.

Die Gruppe Schulmädchen schreit laut auf. Der Scheinwerfer richtet sich umgehend auf ihr melodramatisches Schauspiel. Füße trippelnd und immer lauter plärrend zeigen sie mit Fingern und panischen Mienen auf den Eingang des Imbisses, aus dem soeben ein mehrbeiniges Tier mit einem langen, kahlen Schwanz flüchtet. Grazil umflitzt es den bonbonbäuchigen Currywurstbuben, dem erschrocken das Toastbrot von der Pappe rutscht, vorbei an der Bank – mit gerollter Zeitung schlägt der Schnauz nach dem Tier, verfehlt es, die verängstigte Mutter kriegt die wässrigen Beine nicht schnell genug hoch. Kurz stippt das Untier in den alsgleich kreischenden Fotoautomaten – es blitzt –, weicht knapp einer fallenden Aktentasche aus, und verschwindet mit einem waghalsigen Sprung im Gleisbett. Zwei oder dreimal knallt noch wütend eine Zeitung auf die Lehne einer Bank. Dann wird es wieder ruhig. Ein wenig Wind kommt auf.

Von ganz weit kann man Erkner im Gegenlicht der Sonne kommen sehen.

Der Herr sammelt seine Notenblätter vom Boden, die beim Aufprall aus der Tasche stoben. Die Mädchen wenden sich ab und quasseln wieder gackernd vor sich hin. Der kurzhosige Junge tritt etwas unwillig die Scheibe Weißbrot auf die Gleise. Sogleich schwirren die Tauben vom Dach dem fliegenden Futter hinterher und picken sich wie in Trance große Krümel aus dem schmutzigen Toast heraus. Er freut sich ein wenig über die hungrigen Vögel und spießt das letzte Stückchen Wurst auf seine Gabel und steckt es sich zwischen die verschmierten Ketschuplippen.

Erkner rauscht plötzlich unerwartet herein. Ein dumpfer Knall und vier Vögel, die in alle Richtungen entfliehen. Geschockt steht der kleine Mann mit der Wurst zwischen Zähnen seines offenen Mundes im grellen Licht des einsamen Spots, der nur auf ihn gerichtet ist und schaut perplex an die Stelle, an der sich noch eben fünf graue Täubchen das Abendessen friedlich mit ihm teilten.

Die Türen öffnen. Das Wickeltuch stemmt sich behäbig von der Bank. Der Pommeskopf und die Mädchen steigen ein. Der Schnauz ist längst in den Waggon gestürmt und hat sich einen Doppelsitz reserviert. Das Abfertigungssignal tönt aus dem knisternden Lautsprecher. Der Geiger schließt seine Tasche und macht seinen letzten dramatischen Abgang. Die Türen schließen sich und Erkner fährt ab.

Der Bahnsteig ist nun fast leer. Nur in der Imbissbude tänzelt noch immer die Ballerina und wischt den Staub von ihren glitzernden Keramikkatzen. Ein Fotostreifen fällt aus dem Schacht des Automaten. Vier Aufnahmen der selben verdutzten und aufgeschreckten Gesichter. Er küsst ihre Hand und sie steckt die Bilder ohne weitere Beachtung in ihre Handtasche, bevor sie die Treppen hinauf verschwinden.

Der Vorhang schließt sich langsam und die Sonne grinst ein letztes Mal aus weiter Ferne. Lange, rote Fäden ziehen sich vom Horizont bis auf die Gleise herab. Die Schatten der eisernen Säulenallee verschmelzen mit dem Rest der Dämmerung und die nun kühle Sommerluft wischt taktlos um die nackten Beine eines dicken Jungen, der weinerlich ins Gleisbett schaut.

[August-J. Herbst]