hintcoinsandpicarats asked you: Hello miss Sharoa! How are you doing today?

Mr. Stachen!  I’m doing well!  And yourself?

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Although, I must admit—I was actually looking forward to seeing you!

1969 bis heute

Die erschütternde Geschichte der Menschen mit Sonderzeichen in ihren Namen ist noch nicht geschrieben worden. Das könnte ich eigentlich mal machen. Denn im Jahr der Erfindung des Internets beschlossen meine Eltern, mir den Namen André zu geben.

Ich lernte früh, dass mein Name nicht so war wie die Namen der anderen Kinder. Zum Beispiel in Texten, die mit der Schreibmaschine geschrieben waren, seien es Zeugnisüberschriften oder Namenslisten. Der Akzent wurde dort häufig von Hand eingefügt. Die Menschen, die so etwas taten, hielten den Akzent offenbar einerseits für so wichtig, dass er auf gar keinen Fall fehlen durfte, und machten andererseits aber keine Anstalten, ihn im Schriftbild oder auch nur in der Farbe der Schreibmaschine anzupassen. Es wurden meist häßliche, hastig gesetzte und viel zu große Kugelschreiberstriche daraus, die unangenehm aus dem Schriftbild stachen.

Nicht viel später lernte ich, dass es auf Schreibmaschinen auch anders ging, als ich selber davorsaß und den Sinn der toten Taste begriff. Es war die Taste, bei der man zuerst dachte, die Maschine wäre kaputt, weil das Vorwärtsrucken des Wagens ausblieb. Es war außerdem, gemessen an der auf dem Papier einzufärbenden Fläche, das kleinste Zeichen auf der Maschine. Da man den Typenhebel, wenn man nicht sehr erfahren war, allerdings mit derselben Kraft und Geschwindigkeit betätigte wie die anderen auf der Maschine, schlug der kleine Akzent häufig durch das Papier hindurch und hinterließ nur ein Loch über dem e.

Später, als die Tastaturen elektronisch wurden und per Software konfiguriert, musste ich lernen, dass der Weg zu dem e mit Akzent in jeder Umgebung anders war und neu gelernt werden musste. Ich erinnere mich, wie ich eines Tages meinen Informatik-Professor, in dessen Abteilung ich gerade als Hiwi angefangen hatte, danach fragte, wie man das Sonderzeichen auf den dort verwendeten Workstations eingab. »Keine Ahnung«, sagte er, »aber ich könnt’s Ihnen auf einer Diskette geben.«

Nachdem ich – zum soundsovielten Male und jedesmal neu – gelernt hatte, meinen Namen zu schreiben, musste ich lernen, dass es nicht immer unbedingt angeraten war, das zu tun. Ich habe meinen Namen in jeder nur erdenklichen Weise falsch geschrieben und verstümmelt gesehen, und das alles nur, weil ich irgendwo wieder einmal den Fehler gemacht hatte, ihn richtig einzugeben.

Auf dem Weg durch verschiedenste Computersysteme war es äußerst wahrscheinlich, dass das Sonderzeichen irgendwo kaputt gehen würde, ersetzt durch irgendein anderes Zeichen, das sich zufällig unter derselben Nummer in einem inkompatiblen Zeichensatz befand. Da dieses falsche Zeichen seinerseits ein exotisches war, bestand eine große Wahrscheinlichkeit, dass es beim Durchlaufen weiterer Systeme wieder und anders kaputt gehen würde. Besonders Escape-Sequenzen waren hinterhältig; sie führten dazu, dass ich meinen Namen mit längeren Folgen von halbgraphischem Kauderwelsch auf Adressaufklebern und an anderen Orten wiederfand.

Noch hinterhältiger war es freilich, wenn das e mit dem Akzent durch einen einzelnen, vergleichsweise unschuldigen Buchstaben desselben Zeichensatzes ersetzt wurde. Die schlimmste Variante war Andrü, und sie passierte zu allem Überfluss eine Zeitlang dann, wenn ich in meinem E-mail-Programm mit meinem eigenen Namen unterschrieb. Der Name war natürlich nur beim Empfänger in dieser Form verstümmelt, es dauerte also eine Weile, bis ich dahinterkam. Das war mir dann so peinlich, dass ich fortan nur noch ohne Akzent unterschrieb.

Das führte wiederum dazu, dass aufmerksame Freunde erstaunt bei mir nachfragten, ob mein Name denn nicht mit Akzent geschrieben würde. Ich antwortete dann – und tue das bis heute – dass ich nur aus Gründen des Selbstschutzes ohne Akzent unterschreibe, mein Name aber in Wirklichkeit durchaus mit Akzent geschrieben wird, und ich mich tatsächlich darüber freue, wenn jemand mich unter Verwendung dieses Akzents schriftlich anredet. Es macht auch nichts aus, wenn der Akzent auf dem Weg zu mir etwa kaputt geht. Die Mühe allein ist ein schönes Zeichen, das ich sehr schätze.

(Andrü Spiegel)

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