An Albanian woman feeds her child as she and another 2,000 refugees, displaced by the war in Kosovo, are allowed to enter Macedonia in the mountainous region near the border crossing of Blace.

Heute Nacht um 2 Uhr wurde Alban, mein Freund und Flüchtling aus Kosovo von der Polizei unter großem Sicherheitsaufwand festgenommen und mit dem Flugzeug abgeschoben. Er ist zu diesem Zeitpunkt in seiner Heimat.

Ich bin traurig. Sehr traurig. Vor einigen Wochen lernte ich Alban in der Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge kennen. Ich fotografierte ihn, berichtet über ihn, doch es blieb nicht dabei.

Wir freundeten uns an. Schrieben über Facebook und jedes Mal, wenn ich im Flüchtlingsheim war, trafen wir uns. Unterhielten uns über Gott und die Welt – und natürlich darüber, wie das Leben von Alban wohl weitergehen würde.

Wir lachten (und weinten) viel zusammen und nicht selten legten wir uns die Arme um die Schultern, während er mich zum Ausgang begleitete. Immer wieder bot Alban mir von seinem Mittagessen an und wollte mich teilhaben lassen, an dem wenigen, was er hatte.

Alban war immer zuvorkommend und freundlich zu mir. Freute sich jedes Mal, wenn wir uns treffen konnten. Ich erzählte ihm davon, dass unsere Tochter krank war und er berichtete mir, dass er Angst vor der Abschiebung hatte.

„Why can’t I stay in Germany?“ fragte er mich oft. Diese Frage konnte ich ihm nur so beantworten, dass Deutschland ein Gesetz habe, das Flüchtlinge aus seinem Land nicht aufnehme. Und dass ich dieses Gesetz nicht gute fände.

„Can you help me?“ war auch eine Frage, die Alban mir stellte und mir in die Augen sah, als wir im Park nebeneinander saßen. Ich musste meinem Freund sagen, dass ich es nicht konnte.

In der Zwischenzeit habe ich versucht, mich schlau zu machen, ob es nicht irgendeinen Weg geben würde, Alban in Deutschland zu behalten. Leider habe ich es nicht geschafft. 

Weder über Kirchenasyl, noch über den Weg einer Rechtsanwältin - dafür war die Zeit zu kurz. Und ja, ich mache mir selbst Vorwürfe und habe Schuldgefühle.

Wisst ihr, es ist so leicht, über „Wirtschaftsflüchtlinge“ zu sprechen. Die Nachrichtenseiten und Talk-Shows sind voll davon. Ich habe eine da eine ganz andere Sicht, denn ich habe nicht nur einen „Wirtschaftsflüchtling“ kennengelernt, sondern auch Freundschaft mit ihm geschlossen. Ich habe ihn in mein Herz geschlossen.

Umso näher bin ich an der harten Realität, die einen Menschen trifft, der zurück in seine Heimat verwiesen wird. Und ja, ich bin mit Alban weiter in Kontakt – er hat mir die Erlaubnis gegeben, über seine Abschiebung zu schreiben.

Liebe Politiker, ihr könnt die unmenschlichen Gesetze ändern. Schaut diesem Mann in die Augen, er ganz häufig sagte „I respect all you German people. You are so good“. Schaut ihm in die Augen und denkt daran, dass in seiner Heimat eine lebensbedrohliche Armut herrscht, die auch Alban treffen wird.

Alban, mein Freund. Du warst und bist das Beste, was mir im Flüchtlingsheim begegnet ist. Sei stark. Ich wünsche Dir das Beste. Friede sei mit Dir. Ich werde Dich vermissen.

Anfang dieser Woche stehe ich wieder vor der Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge in Karlsruhe. Nachdem ich am Wochenende einen Vortrag gehalten und mit vielen Leuten über Flüchtlinge gesprochen habe, möchte ich wieder mit den Menschen sprechen, die nach Deutschland fliehen.

Nachdem ich eine Weile vor dem Gebäude verbracht und überlegt habe, wen ich ansprechen soll (heute brauche ich ein bisschen länger), begrüße ich diese zwei lächelnden Männer aus dem Kosovo.

Gjogaj (links im Bild) und Shemsedin (rechts im Bild) machen auf mich wie viele Kosovaren eine besonders offenen und freudigen Eindruck. Beide flohen vor drei Monaten gemeinsam nach Deutschland und deshalb verbindet die Beiden eine enge Freundschaft.

Der etwas kleinere Shemsedin spricht mit weicher Stimme und stockendem Deutsch: „Eine Leben in Kosovo - nicht möglich. Keine Arbeit. Ich Mechaniker.“ Shemsedin hatte in seiner Heimat eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker gemacht, doch dann vergeblich nach einer Stelle gesucht. „Keine interessieren.“

Es ist nicht das erste Mal, dass mir Kosovaren von den lebensfeindlichen Umständen in diesem Land erzählen. Ich erinnere mich daran, dass es dort kein Recht auf Arbeitslosengeld oder Hartz IV gibt. Arbeitslos zu sein bedeutet die unverzügliche Gefährdung des eigenen Lebens.

Weil er fliehen musste, war es ihm nicht möglich gewesen, die Beziehung zu seiner Freundin aufrecht zu erhalten. Shemsedin musste sich trennen.

Während ich die beiden interviewe, denke ich nicht darüber nach, doch im Nachhinein versuche ich mich einzufühlen. Stelle mir den schönen Mann vor, wie er sich von seiner Freundin verabschiedet. Stelle mir seine Tränen vor - und ihre. 

Vielleicht lief alles auch ganz anders, das weiß ich nicht. Eine Trennung von der Lebengefährtin ist, an diesem Gedanken komme ich nicht vorbei, sehr unschön und unter solchen Umständen deprimierend.

Für die Flucht nach Deutschland muss Shemsedin lange Zeit gespart haben, denn die Reise kosteten ihn 2000 €. „Zwei Tausend?“ Jedes Mal, wenn mir Flüchtlinge von den Kosten erzählen, kann ich es oft nicht fassen. Ich schüttele mit dem Kopf. Dass sich Reiseunternehmen an Flüchtlingen eine goldene Nase verdienen, macht mich wütend.

„Mir auch“ bestätigt Gjogaj, was in diesem Kontext heißt, dass er auch so viel bezahlen musste. Die beiden erklären mir die Route nach Deutschland und ich beginne erneut zu verstehen, wie gefährlich, unsicher und kompliziert solch ein Unterfangen ist.

Nun wende ich mich Gjogaj, ausgesprochen „Dschjogai“, zu. Acht Jahre arbeitete er als Facharbeiter für Entsorgungstechnik, landläufig auch als Müllmann bezeichnet. Die Arbeit wäre für ihn persönlich sehr herausfordernd und mit 150 € pro Monat äußerst schlecht bezahlt, so Gjogaj.

Die Beiden wissen ganz genau, dass ihre Chancen auf Asyl in Deutschland bei Null sind. Doch die Verzweiflung hatte sie gezwungen, zu fliehen. „In Kosovo alles schlecht“. Ich kann sie verstehen und würde sicher genauso handeln.

~

An Tagen wie diesen wird mir erneut der Kontrast bewusst, den auch ich vor der Landeserstaufnahmestelle für Flüchtlinge verkörpere. Locker stehe ich da mit meinen Dickies-Hosen, teuren Vans-Schuhen und dem iPhone 6 in der Tasche. Habe Familie, Freunde und Arbeit - und kann mich manchmal nicht entscheiden, ob ich nach Feierabend einen Film gucken oder doch lieber gemütlich in der warmen Wohnung mit einer heißen Schokolade in der Hand Fotobände schmökern soll.

Und dann stehen vor mir Shemsedin und Gjogaj, die gar nichts mehr haben. Die seit Jahren kämpfen, resignieren sich dann entschließen, alles - auch Beziehungen - aufzugeben, um in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Deutschland fliehen.

Wie - ich entschuldige mich für meine Wortwahl - scheiße ungerecht ist diese Welt?

Shemsedin und Gjogaj, seid willkommen in Deutschland. Möge Euch der Aufenthalt, und sei er noch so kurz, Kraft und innere Stärke geben, den Kampf gegen die Armut zuhause erneut aufzunehmen. Friede mit Euch. Friede und ein gutes Leben. Das wünsche ich Euch von Herzen.