Weggeraucht
Eine Zigarette lang wirst du in meinem Kopf noch Möglichkeit sein. Danach leg ich dich zu den Akten.

Ich rolle die Zigarette kurz zwischen den Fingern, ehe ich sie anstecke. Eine Zigarette, die Zeit gebe ich mir noch. 
Eine Zigarette lang werde ich noch über dich nachdenken; wirst du in meinem Kopf noch Möglichkeit sein. Danach leg ich dich zu den Akten, in das Hinterstübchen des Gehirns, in dem man immer wieder etwas findet, das einen von weit weg berührt - wie aus einer anderen Zeit.

Abschied ist nicht einfach, weil man wieder etwas Neues beginnen muss, denke ich, und zünde das Zigarettenende an. Und etwas Neues muss einem immer erst vertraut werden, bevor es einen glücklich machen kann.


Du warst mir vertraut.

Unsere gemeinsamen Abende. Das Beieinandersein, in dem immer eine Spannung lag; eine Spannung, die sich erst löste, wenn wir eng verschlungen ins Bett fielen.
Dein ruhiger, schlafender Atem auf meinem Gesicht - ich stelle mir vor, dass ich ihn spüren kann, während ich langsam an der Zigarette ziehe.
Ich lasse den Rauch in meine Lungen strömen, während meine Arme dich in der Erinnerung fest umschließen.

Ewig lang hatte ich geglaubt, ich sei das beste für dich, obwohl so viele mir beteuerten, ich hätte Besseres verdient. Das ist es ja mit der Liebe - dass wir sie selbst nicht erklären können. 

Vielleicht können wir sie nicht erklären, weil sie viel größer ist als wir selbst. Weil sie nicht nur einen, sondern immer zwei betrifft. Vielleicht können auch nur zwei sie erklären; wie meine Schwester und ihr Freund, die sich lieben, denn sie lieben beide Dudelsackmusik, Igel und den Gedanken, viele kleine Kinder zu bekommen. Wenn es zwei solche Menschen gibt, dann müssen sie sich wohl lieben, dann gibt es auch nicht mehr viel, das erklärt werden müsste.
Gedankenverloren asche ich ab.

Ich liebe Bücher, du Filme.

Ich die Gesellschaft vieler um mich herum, du das Alleinsein.
Ich das Ausgehen, du Videospiele.
Ich liebe dich und du die Frauen.

Und weil irgendetwas mir sagte, dass du etwas ganz Besonderes bist, Ich wurde ein Teil von dir.
Ich weiß nicht, ob es dir klar ist, aber es ist wahr: Alles, was ich getan habe, habe ich irgendwie für dich getan. Du warst mein Halt und immer wieder mein Grund.

 

Ich ziehe an der Zigarette, die fast ausgegangen ist, weil ich sie eingeklemmt zwischen Zeige- und Mittelfinger vergessen hatte.
Du bist einfach so gegangen; hast einfach so einen Teil von dir fallen gelassen. Ich bin nur noch ein Bruchstück, ein Stummel wie die Zigarette in meiner Hand. Sinnlos, formlos, haltlos.
Was mir von dir bleibt ist die Hoffnung, dass du irgendwann merkst, dass ein Stück von dir fehlt. 
Und diese Hoffnung lege ich jetzt zu den Akten, denn da kann sie darauf warten, begraben zu werden, denke ich bitter und drücke die Zigarette aus.
Die Glut erlischt und langsam richtet sich mein Blick vor mich in die kalte, schwarze Luft, in der mein Entwurf von uns, mein Entwurf von mir selbst, davonwabern.

 

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