24 Juli 2012

Liebe Schüler,

auf Grund der so arg hohen Temperaturen werden wir es ein wenig lockerer angehen lassen. Größtenteils werden wir uns mit der Form und DanChi und ChiSau in der WingTsun Schule Bad Honnef auseinandersetzen und somit an unserem taktilen Gefühl arbeiten, was sehr wichtig ist und eigentlich die hohe Kunst des WingTsun auszeichnet. In diesem sinne also bis gleich….

Regeln für stressfreies taktiles Reaktionstraining
Im gemeinsamen menschlichen Miteinander müssen gewisse Regeln eingehalten werden, damit das Zusammenleben funktioniert. Das gemeinsame WingTsun-Training macht da keine Ausnahme. Deshalb habe ich in meinem Buch Kampflogik 3 diese Thematik aufgegriffen und ein Kapitel dazu eingefügt. Wenn wir auch im Kampf zur Selbstverteidigung an keine Regeln oder Techniken gebunden sind, beim Training mit unserem Partner müssen gewisse Verhaltensregeln eingehalten werden. Schließlich wollen wir kontinuierlich trainieren können und nicht ständig durch irgendwelche trainingsbedingten Verletzungspausen außer Gefecht gesetzt werden.

Wenn jemand in unsere ChiSao- oder ReakTsun-Klassen kommt, betritt er eine Welt, in der Worte und Bewegungen eine andere Bedeutung haben als im Alltag. Das ist dem Neuen nicht unmittelbar einsichtig, aber auch oft nicht dem Lehrer. Die Verständigungsrituale in solchen speziellen Klassen sind verschieden von der normalen Kommunikation. Das Training setzt aber stillschweigend die Kenntnis von Vereinbarungen und Regeln voraus. Der Lehrer und der ältere Mitschüler (SiHing) erwarten, dass der Schüler die bisher ungeschriebenen Regeln kennt und befolgt.

ChiSao – ob mit einem Mitschüler oder dem Lehrer – ist irgendwie immer eine brisante Angelegenheit: Man begibt sich in die intime Distanz mit einem anderen, verletzt dessen Territorium oder fühlt seines durch Grenzüberschreitung gefährdet.
Schauen noch andere dabei zu, hat unser verletztes Selbstbild noch mehr Grund, sich zu Wort zu melden. Aber auch das Ego unseres Gegenübers wird erwachen …

Hier nun die Regeln, wie man die gefährlichen Klippen des ChiSao- oder auch ReakTsun-Trainings umschifft. Oder auch wie man dem anderen verzeihen kann, indem man – Konfuzius folgend – von der Gleichheit der Menschen ausgeht und dem anderen zubilligt, ebenso von Emotionen geleitet zu sein, wie man selbst.


ChiSao- bzw. ReakTsun-Etikette

Mit Mitschülern

Der andere ist unser Partner

Das Gegenüber ist nicht unser Gegner, denn ChiSao ist kein Kampf, sondern eine Übung, durch die zwei Menschen ein gemeinsames Ziel erreichen wollen: mehr Sensitivität, mehr Tastsinn zu erlangen.

Das Ideal

Eine Fliege sollte nicht auf uns landen können, ohne dass wir es merken. Wenn sie auf der Handfläche landet, sollte sie unsere Hand dadurch bewegen (konkav machen).
Eine Fliege sollte nicht von unserer Handfläche starten können, ohne dass wir es ihr erlauben. Wenn sie sich zum Start abstoßen will, sollten wir nachgeben können.
Dieses ist eine Idealvorstellung, die wie jedes Ideal nie erreicht wird.

Mit richtig gemachtem ChiSao-Reaktionstraining entwickeln wir sieben Fähigkeiten

• Aufmerksamkeit
• Beweglichkeit, Lockerheit, Agilität
• Koordination, Körpereinheit = die Fähigkeit, alle Kraft in eine Bewegung zu legen
• Balance
• Sensitivität des Gesamtkörpers, Distanzgefühl
• Entschlusskraft, Fighting Spirit
• Timing
Timing mag vielleicht nicht alles sein, aber alles ist nichts ohne Timing!

ChiSao und jede Art von Wettbewerb sind ein Widerspruch

Bei einem Wettstreit wird jeder der Kämpfer (auch wenn er es nicht zugibt) von der Sorge beherrscht, getroffen zu werden und nicht selbst treffen zu können. Das erzeugt Stress, Angst und Aktionismus. In einer solchen Atmosphäre ist es nicht möglich, die oben genannten sieben Fähigkeiten zu erwerben.

Das große Lernziel heißt Adaptation (Anpassung an die Form des Angriffes), das bedeutet Nachgeben. Dazu gehört Vertrauen: Vertrauen, dass das Konzept funktioniert, Vertrauen, dass es erlernbar ist, und Vertrauen, dass der Partner unsere ersten Versuche des Nachgebens nicht enttäuscht und ausnutzt; denn es dauert eine ziemlich lange Zeit, bevor sich das Investieren in Schwäche zur Stärke auswirkt. Am Anfang steht der Frust, auf etwas verzichten zu müssen, mit dem man sich behaupten könnte: Kraft und Widerstand. Am Anfang wird man von der primitiven Kraft der anderen herum geschubst. Erst nach langer Zeit innerer Entwicklung wird Schwäche zur wahren Kraft, gegen die Widerstand dann zwecklos ist.

Wir sprechen von einem Prozess, der Jahre dauert. Viele machen hier den Fehler, sich drillmäßig etwas Nachgeben anzueignen, wie einen Trick. Dieses kombinieren sie dann mit persönlicher Schnelligkeit, Fitnessstudio-trainierten Muskeln und einer aus Angst geborenen Aggressivität. Und fertig ist der Albtraumpartner jeder ChiSao-Stunde, der sich und dem anderen nur beweisen will, dass er überlegen ist. Er glaubt, dass er besser ist als der andere, weil er sich durch Aktivität (!) vor dem Getroffenwerden schützen bzw. den anderen treffen kann. Er wird diese scheinbare Überlegenheit leider auch etliche Jahre bewahren können, indem er in Sperren, Festhalten, Wegdrücken und Finten investiert, statt dass er den Bewegungen des anderen folgt. Wir sagen „leider“, weil er seinen eigenen Fortschritt damit beendet hat. Er versteht die „Absichtslosigkeit“ nicht. Er hat sich selbst in eine Sackgasse manövriert, aus der ihn sein Ego nicht mehr herauslässt.

Tatsächlich geht es beim ChiSao gar nicht ums Abwehren und im LatSao nicht ums mit Absicht Angreifen, sondern darum, den entspannten Glückstreffer des Laien methodisch zu üben und regelmäßig möglich zu machen: die absichtsvolle Absichtslosigkeit, die bewusste Unbewusstheit. „Es“ wird das alles für uns tun, wir müssen „Es“ nur geschehen lassen, entspannen halt … Aufgrund unserer Vorbereitung brauchen wir nur die Möglichkeiten zu nutzen, die sich von selbst anbieten.

Es gibt sogar Schüler mit hohem Lehrer- oder gar Meistergrad, die in obiger Falle sitzen und sich unerreichbar für Rettungsversuche gemacht haben. Wenn man ihnen ihren Irrtum zeigen will, werden sie schneller, strampeln sich ab, um einen zu sperren, oder springen zurück, um etwas zu verhindern, was sie zulassen müssten, um weiter wachsen zu können.
Gefangen von Stolz und Angst und ohne Besinnung darauf, was WT eigentlich bedeuten könnte, werden sie nie weiterkommen, wenn sie weiter auf Widerstand setzen, um ihre Essenz durch einen Panzer zu schützen. Sie müssten ihr ganzes Denken verändern, statt nach der unbekannten Kombination oder dem nächsten geheimen Kampf-Tanz zu fragen. Sie müssten sich verändern.

Aus gutem Grunde hatte ich vor etlichen Jahren mein Gewicht und damit meine Muskelmasse um fast 30 kg reduziert, bis ich Anfang 2007 unter 69 kg wog. Dieser Verzicht auf Kraft hat mein WT völlig verändert und damit meine Wirksamkeit. Der Verzicht auf Körperkraft erwies sich als die beste Investition!
Erst muss man die Kraft aufgeben und darauf vertrauen, dass die WingTsun-Prinzipien am Ende ihre Wirkung tun. Zeigen sich – nach langer Zeit und Frustration – die ersten Erfolge (und die bleiben nie aus!), dann kann man noch weicher werden, weil man weniger Angst hat. Wenn man noch weicher wird, wird man noch erfolgreicher. Ein positiver Kreislauf, der größte Befriedigung bringt.

Auszug aus meinem Buch „Kampflogik3“, EWTO-Verlag 2011

Euer SiFu/SiGung
Keith R. Kernspecht

DaiSifu Rainer Tausend
ChiSao – wie ich es jetzt verstehe

Es war mir schon vor vielen Jahren aufgefallen, dass SiFu sein ChiSao „irgendwie anders“ machte als wir. Dies war noch lange, bevor er seine aktuelle Konzeption vor einigen Jahren den Meistern und Technikern vorstellte.
Damals meinte ich, bei SiFu etwas gesehen zu haben, was ich für mich einen „virtuellen“ KaoSao nannte. Zu dieser Zeit konnte ich noch nichts Richtiges damit anfangen. „Wie macht er das?“, fragte ich mich.
Heute weiß ich natürlich, was da geschah: Er machte schon damals nicht einfach einen KaoSao, weil er das wollte, sondern sein KaoSao entstand wie von selbst aufgrund meiner Aktion.
Mir war damals nicht wirklich bewusst, dass ich selbst den winzigen Druck in die Richtung nach außen gegeben hatte und SiFu so und nicht anders nachgebend reagieren „musste“. Noch bevor ich mit meinem Druck nach außen fertig war, hatte mich sein Konter schon getroffen.
Ich wusste immer, dass SiFu sehr schnell ist, aber so schnell hatte ich ihn nie zuvor wahrgenommen.
Dieses Ereignis ist jetzt schon ein paar Jahre her. Damals machte ich mir noch keine richtigen Gedanken über das, was da passiert war. Nur eins fragte ich mich danach: „Wie konnte er nur so schnell sein?“ Seine Muskelfasern können sich nicht doppelt so schnell bewegen wie bei anderen trainierten Menschen! Es gibt hier eine natürliche Grenze. Das war mir beim Uni-WingTsun-Studium nach einigen Vorlesungen klar geworden.
Seine Geschwindigkeit kommt von seiner Umsetzung der WingTsun-ChiSao-Konzeption: von totaler Muskelentspannung, fließenden Bewegungen, flexiblen Reaktionen in allen Situationen, kurzen Bewegungen und keiner Abhängigkeit von eintrainierten, vorgeplanten Abläufen und vor allem von perfektem Timing.
Schon damals war dies das Geheimnis seines ungewöhnlichen Handelns, denke ich. Aber er schien es, zu der Zeit unbewusst zu machen. Er unterrichtete es nicht, sondern hielt sich beim Unterricht nur an die überlieferten Vorlagen.

Ich muss einmal an den Anfang meiner WingTsun-Karriere zurückgehen.
Als ich mit WingTsun anfing, war das Erste, was ich vom WingTsun hörte: Der Arm bewegt sich wie eine Peitsche. Er sollte so flexibel wie eine Peitsche sein und so anpassungsfähig wie eine Schlange.

Die Schlange hat natürlich einige Gelenke mehr als der menschliche Arm. Trotz dieses Unterschiedes sollte unser Arm sich so biegsam wie eine Schlange oder wie eine Reitpeitsche bewegen. Über das Drücken des Armes zu BongSao und das Zurückpeitschen mit FakSao wurde damals schon gesprochen.
Mein damaliger SiHing hatte den Neuinteressenten die nötige Flexibilität des Armes immer anhand einer Reitpeitsche demonstriert, die er bei jeder Vorführungsveranstaltung unter den Arm geklemmt herumtrug.

Als ich Ende 1981 mit dem Unterrichten begann, hatte ich in meinem Koffer, den ich zum Training mitnahm, auch immer eine Reitpeitsche dabei, damit ich den Neuinteressenten diese Eigenschaft des WingTsun zeigen konnte. Ich zeigte immer an der Reitpeitsche, dass es für einen Fauststoß sehr schwierig ist, die Peitsche (BongSao) zu kontrollieren. Ein bisschen zu viel Druck oder Bewegung und schon schlägt die Peitsche zu. Die Peitsche hat hier nur eine einzige Richtung, nämlich die Richtung des FakSao aus der ersten Form.
Es gab zu jener Zeit keine richtige Möglichkeit, diese Peitsche abzuwehren. Ich kann mich nur an eine Möglichkeit erinnern: Der Peitsche erst gar keinen Grund zum Entstehen zu geben.

Diese alten Gegebenheiten wurden mir wieder bewusst, als ich mich näher mit SiFus „neuen“ ChiSao-Ideen befasste. SiFu selbst nennt sie übrigens nicht „neu“. Für ihn sind sie nur die „Konsequenz der WingTsun-Leitideen“, so wie er sie von seinem SiFu gelernt hat und jetzt für sich interpretiert.
Er hat aus diesen „Ideen“ kein festes Programm gemacht und sie keinen bestimmten Techniker- oder Meister-Stufen zugeordnet. Er hat auch keine neuen Techniken geschaffen.
Jedenfalls ist das, was wir vor diesen vielen Jahren gerne umsetzen wollten, mit Leichtigkeit und Spontaneität jetzt Dank dieser Interpretation möglich.

Ich habe erkennen müssen, dass wir in den letzten acht bis zehn Jahren Gefahr liefen, dieses Ziel aus den Augen zu verlieren, indem wir uns fast nur mit festen Bewegungsabläufen (Techniken!) beschäftigten: mit Schein-ChiSao!
Ich will damit überhaupt nicht die Bedeutung der von Großmeister Leung Ting geschaffenen sog. „ChiSao-Sektionen“ klein reden. Ganz im Gegenteil: Sie sind ein geniales Hilfsmittel, um uns Bewegungsauswahlmöglichkeiten, die wir für ein spontanes, lebendiges, echtes ChiSao benötigen, in einem geordneten Lehrplan zu unterrichten.
Ohne die „ChiSao-Sektionen“ wäre es für die Schüler unmöglich, wirklich alle „Techniken“ des gesamten WingTsun-Repertoires zu erlernen und sich zu merken. Ohne die „Sektionen“ wäre es aber auch für den Lehrer unmöglich, alles zu unterrichten, was es an Optionen gibt. Jeder kennt das: Man macht einige Dinge im Training besonders gerne und man vergisst, dass es auch noch andere Bewegungen gibt, die man unterrichten muss, weil sie vielleicht nicht mir, sondern meinem Schüler nützen könnten.
Hätte man jetzt kein Programm (Partnerformen mit ChiSao-Kontakt), würde man bestimmt einige wichtige Dinge nicht unterrichten. Man sollte bedenken, dass jeder Schüler eine andere Lieblingstechnik hat, die er besonders gut kann und die ihm besonders gut liegt. Gäbe es hier keinen Plan, würde jeder nur die Lieblingstechniken des Lehrers erlernen, und zwar aus der Lebensphase heraus, in der sich der Lehrer gerade befindet.

Die „ChiSao-Sektionen“ wurden leider von einigen von uns als das Mittel aller Dinge missverstanden. Der Ablauf war das Wichtigste. Manche haben sogar neue Abläufe hinzugedichtet und diese als Geheimnis angepriesen, welches angeblich nur sie gelernt hätten. Aber warum sollte das bei uns anders laufen, als es Großmeister Yip Man selbst erging?
Es ist schon erstaunlich, welchen Phantasien und Verschwörungstheorien hier freier Lauf gelassen wurde. So wurde auch gerne behauptet, dass bestimmte „Techniken“ oder „Sektionsabläufe“ nur in Hongkong unterrichtet würden, da sie nicht in den Rest der Welt gelangen sollten.
Leider haben auch viele Schüler diesen Unfug geglaubt. Wenn sie dann noch das WT-Heilversprechen, sich spontan und mühelos verteidigen zu können, nicht erfüllt fanden und die Schuld nicht sich, sondern ausschließlich unserem Verband in die Schuhe schoben, war die Kündigung bei der EWTO oft die Konsequenz dieser Verunsicherung und Enttäuschung.
Sie suchten sich dann neue Gurus unter denen, die schon vorher unseren Verband verlassen und sich dann durch selbstgegebene Graduierungen erhöht hatten und vorgaben, diese „Sekten-Tänze“ noch detaillierter und in einer noch geheimeren Version von höchster Stelle gelernt zu haben. Einige glauben sogar, dass sie von Yip Man, der ihnen im Traum erschienen war, persönlich dazu berufen seien …
Dies ist ein Problem, solange es Menschen gibt: Personen, die die heile Welt versprechen, werden immer wieder zu Führern von Leichtgläubigen, die sich gerne führen lassen, und von Unzufriedenen und Neugierigen.

Der Weg zum Erlernen des WingTsun geht über die sog. „ChiSao-Sektionen“ – als eingesetztes Hilfsmittel. Manche wollen nun nach unserem neuen Verständnis das Kind mit dem Bade auskippen und diese nichttraditionelle Erfindung von Großmeister Leung Ting ganz abschaffen. Aber das ist völliger Unsinn. Das Einzige, was wir schleunigst abschaffen müssen ist der Name „ChiSao-Sektionen“, denn wie GM Kernspecht deutlich gemacht hat, vermittelt der Name den falschen Eindruck, dass diese festen Bewegungsabläufe angepasstes, spontanes Reagieren hervorbringen könnten. Nennen wir sie doch einfach und zutreffend so, wie Großmeister Leung Ting es auf einem Tutorial, bei dem ich anwesend war, auch tat: „Partnerformen“!
Hat man den Ablauf, die Reihenfolgen diese „Partnerformen mit Armkontakt“, bewusst gelernt, müssten sie in kurze Teile (Großmeister Leung Ting nennt sie „Ringe“) zerbrochen werden und irgendwie gespeichert werden.
So ist die Theorie. Aber ich denke, es ist für die meisten von uns sehr schwierig, die festen „Techniken“ der festen „Partnerformen“ spontan und auf die jeweilige Situation angepasst, abzurufen, ohne jedes Mal ein Blutbad anzurichten. Hier setzt meines Erachtens SiFus ChiSao-Verständnis an. Es erlaubt uns, ohne in Gefahr zu geraten, allen Bewegungen des Gegners freien Lauf zu lassen, ohne uns mit aller Kraft dagegen stemmen zu müssen.

SiFu sagte einmal beim Privatunterricht Folgendes:
„Die größte Gefahr für einen Meister (selbst für einen WT-Meister) ist ein Angreifer, der verrückt ist, völlig ausflippt und ohne Eigensicherung unkontrolliert angreift; denn der Verrückte bietet dem Meister keine „Form“, die er erkennen kann.“

Meine Erfahrung lehrt mich, dass man bei neuen Schülern in der WingTsun-Schule besonders aufpassen muss, weil sie – ohne sich darüber im Klaren zu sein – völlig unerwartete, scheinbar sinnlose und unkoordinierte Angriffe machen.
Ich denke, dies ist bestimmt eine nicht leichte Situation für so manchen Ausbilder, der erst mit dem Unterrichten angefangen hat. Mancher Ausbilder hat dieses – wie ich erfuhr – in der Vergangenheit mit Brutalität wettgemacht. Einer meiner Schüler, der während seiner Studienzeit in Deutschland unterwegs war und deshalb auch in einigen Schulen zum Unterricht war, hat mir hierzu z.B. erzählt, dass es in einer Schule üblich war, dass jeder neue Schüler schon einmal vorbeugend einen Ellbogen kräftig auf die Brust bekam, damit er „gewarnt“ war und in der Zukunft nicht auf dumme Gedanken kam und den Ausbilder nicht mit wilden, überraschenden Bewegungen anzugreifen wagte.
Leider hatte diese Methode auch den Nachteil, dass die Schüler nicht so lang dabeiblieben.
Prophylaktisches Einschüchtern des Schülers ist sicherlich eine Möglichkeit, im Unterricht nicht mit überraschenden Situationen konfrontiert zu werden, aber sie sollte unter der Würde eines echten WT-Lehrers sein; denn was ist schöner, als sich vor den noch zweifelnden Neuanfänger zu stellen und ihn freundlich aufzufordern: „Greif mich an, wie und mit was du willst! Ich werde damit fertig und ich werde dich nicht bei der Abwehr verletzen.“ In einer solchen Situation, für die unser WT geschaffen wurde, helfen keine vorgefertigten Techniken oder Kombinationen und gewiss keine geübten Partnerformen. Hier ist Spontaneität und Kreativität gefragt, alles Fähigkeiten, die aus dem Unterbewusstsein kommen, wenn man die Mittel hat, sie im Stress abzurufen …

In den vielen Stunden Privatunterricht konnte ich die Bewegungen von SiFu beobachten und auch immer wieder spüren. Manchmal dachte ich, der macht ja „nur“ die Anwendungen der dritten Form. Dann meinte ich, der hat ja Doppelmesser in den Händen, aber es waren seine Handkanten, die so schneidend auf meinen Körper einschlugen. Ein anderes Mal fühlte ich mich wie seine Holzpuppe. Er rutschte so elegant über meine Arme und ich hatte so gut wie keine Möglichkeit, etwas gegen diese schlüpfrigen Bewegungen zu unternehmen.

Mir wurde klar, er setzte seine neuen Erkenntnisse perfekt um. Jedes Dagegen-Reißen brachte im gleichen Moment einen neuen Treffer.
Eine Verteidigung war unmöglich, jeder Widerstand zwecklos. Jede Bewegung, die ich dagegen machte, löste einen neuen andersartigen Angriff aus: Hand, Ellbogen, FakSao von außen und das ganze Programm in die andere Richtung, FakSao aus den unterschiedlichsten Richtungen, keine wirklich vorhersehbare Bewegung, immer anders als erwartet.
Nach einigen Stunden Training und nachdem ich gelassener war und mich damit abgefunden hatte, getroffen zu werden, wurde dann doch die eine oder andere Abwehr möglich. Aber immer erfolgte ein direktes Ausnutzen der ersten erfolgreichen Abwehr durch SiFu und damit ein Treffer.

Ich begann dann, dies nun auch bei meinen Privatschülern zu unterrichten. In dieser Situation war ich derjenige, der austeilte. Die Kontermöglichkeiten meiner Schüler waren noch beschränkt. Sie hatten genug mit ihrem Körper und den Armen zu tun. Ich fühlte mit ihnen. Ich dachte, so hatte ich wohl bei meinen ersten Stunden bei SiFu ausgesehen.
Beim Lehrgang auf dem Schloss, beim praktischen WT-Teil des Uni-Studiums, beim Lehrgang in Homburg und beim Privatunterricht in Bulgarien, immer das gleiche Bild: Niemand, aber auch niemand, konnte gegen die Angriffe von SiFu irgendetwas machen, gegen diese formlosen und doch so präzise gezielten Schläge. Es war für mich ein Trost, dass ich nicht allein war und dass es allen Kollegen genauso erging.
Mir wurde immer klarer, welche Dimension an Genialität in dieser Methode steckt. Dass es etwas Großes, alles Umfassendes hinter der oberflächlichen Technik gab, was auch über die spezifischen Mottos hinausgeht, war mir schon immer klar, aber wie man dahin kommt, wusste ich nicht.
Um diese konzeptuelle Herangehensweise umsetzen zu können, muss man mit den kleinen Dingen anfangen, behutsam an sich arbeiten und in sich hineinspüren.
Es ist sehr wichtig, dass der Partner auch den entsprechend richtigen Druck geben kann. Ohne den richtigen Druck in der ersten Trainingsphase ist es fast unmöglich, die richtigen Reaktionen zu erlernen. Hier gewinnt die Rolle des Privatlehrers wieder eine ganz neue Bedeutung; denn seine Aufgabe kann keine DVD leisten. Beim echten ChiSao geht es nicht um das Auswendig-zu-Lernende und auch nicht um das Sichtbare; alles was hier zählt, ist Tasten und Spüren.
Mein Fazit aus dem Gelernten:

ChiSao ist kein Kampf, sondern eine Methode, um den Kampf in allen Situationen zu üben. Schläge aus allen Richtungen sind zugelassen.
Sei total entspannt, nicht nur in den Armen, sondern auch im ganzen Körper, stehe nicht immer mit verriegelter Hüfte da, betrachte den „unbeweglichen Ellbogen“ nicht als Tabu, das für ewig gilt. Gib immer und überall nach (auch der kleine Zeh muss in seinen Möglichkeiten nachgeben), halte nie dagegen, reiße nicht nach oben, aber drücke auch nicht nach unten, nutze jede Abweichung, beute – unmittelbar – jeden Gegendruck zum Gegenangriff aus.
Kontere, wenn der Gegner noch in der Angriffsbewegung ist, denn der Weg ist jetzt für Dich wirklich frei.
Wiederhole Deine Bewegungen immer und immer wieder. Aber schleife sie nicht ein, variiere sie. 10.000 Mal ist so gut wie einmal.
Mach dir nichts daraus, getroffen zu werden, kommentiere deine Fehler nicht, akzeptiere sie einfach, sie verschwinden, wenn die Zeit gekommen ist.
Auf diese Weise kannst du total entspannt sein und wirst dem Gegner immer weniger Druck geben, den er gegen dich ausnutzen kann.
Nichts ist unmöglich mit WingTsun.

DaiSifu Rainer Tausend
7. Meistergrad WT

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