Königsetappe, Kaiserwetter und -schmarrn.

image

Es geht ausgeschlafen und trocken in den fünften Etappentag: keine 33 Grad im Lager wie zuvor auf der Tutzinger Hütte, nur ein harmloser Schnarcher und die Sonne lässt sich bereits in der Früh blicken. Unsere Karwendeletappe kann beginnen.
Wir sind in Österreich. Erstmal geht es von Vorder- nach Hinterriss. Dann urplötzlich die Staatsgrenze, wir sind im Ausland. Zunächst auf breiten Forststrassen, dann auf schmalen Wegen hoch über einem kitschigen Gebirgsbach wandern wir durch das Johannestal. Vor und neben uns zeigen sich die ersten schroffen Gebirgszüge des Karwendels - wir haben nun das Voralpenland tatsächlich verlassen.

image

Ein Denkmal umringt von Almighurt Kühen. Der Wald lichtet sich und wir erreichen den Kleinen Ahornboden. Ein kurzer historischer Ausflug an dieser Stelle: genau an diesem Ort befindet dich das etwas unscheinbare ‘Von Barth-Denkmal’. Hermann von Barths bestieg 1870/71 rund 88 Karwendelgipfel, zwölf als Erstbesteiger - unser Vorbild sozusagen. Gesäumt wird die Szenerie von einer Kuhherde, die neugierig einen Besuch abstattet und auch gleich ihr Geschäft neben unseren Rucksäcken verrichtet. Naja, wenn wir Pause in der Kuhtoilette machen, selber schuld.

image

Hütte in Sicht. Wir wandern bequem durch steinige Mulden und Waldstücke und landen auf dem als Europawanderweg E4 markierten Weg, der uns direkt zum urigen Karwendelhaus führt. Das Thermometer zeigt mittlerweile 15 Grad - wir freuen uns auf eine heiße Dusche und warme Stube. 5:30 Uhr aufstehen. Der nächste Tag. Ran an die Schlüsseletappe: die Überschreitung vom Karwendelhaus zum Hallerangerhaus über den Birkkarsattel: satte 1440 m hoch und genauso viel im Abstieg - ein Knieschnacksler, wie man so schön sagt. Schnell Energie tanken (Banane + Müsliriegel, das reguläre Hüttenfrühstück gibt es erst ab 7 Uhr) und los. Wir laufen heute als Gruppe: Hans, Heiner, Jan und die lieberdraussen Mädls.

image

Der ‘schlauchende’ Aufstieg. Es geht zunächst über das Schlauchkar, erstmal drahtseilversichert, dann durch Geröllfelder. Langsam lässt sich die Sonne am Birkkarsattel blicken und wir werden mit einer atemberaubenden Stimmung für das frühe Aufstehen belohnt. Nach drei Stunden steilem bergauf erreichen wir den Birkarsattel auf 2.639 m und treffen zwei altbekannte München- Venedig Gänger, das Vater-Sohn Gespann Eckhart und Flo. Sie haben in der winzigen Biwakhütte übernachtet, bei 9 Grad Nachttemperatur. Jan und Barbara machen noch einen kurzen Abstecher zur Birkkarspitze, ich greife zusammen mit Heiner den Abstieg an. Immer runter. 1440 m abwärts. Knie und Wetter stets kritisch im Blick. Abermals drahtseilversichert geht es die ersten 150 Höhenmeter dahin. Wir brauchen Hände, Füße, Hosenboden, Konzentration und Mut. Die beeindruckende Umgebung lässt uns aber stauen und damit alle Strapazen vergessen. Medienscheue Almhüttenwirte. Wir stärken uns mit Brettljause, Milch und Kuchen auf der Kastenalm. Der Hüttenwirt wie aus dem Bilderbuch (langer brauner Vollbart, Karohemd mit hochgekrempelten Ärmeln, Hosenträger) verweigert leider jedes Interview oder Foto. Schade, wir hätten gerne mehr über die rustikale Alm berichtet. Die letzten 600. Das Arschbacken (und Knie) zusammenkneifen auf dem letzten Etappenstück zum Hallerangerhaus wird mit grandiosem Kaiserschmarrn und einem Bier belohnt. Unsere Gruppe staunt über den wahnsinnig schönen Sonnenuntergang über dem Hinterautal. Flo spielt Gitarre und alle genießen den besonderen Moment. Ein würdiger Abschluss des Tages. (Melli)
Text
Photo
Quote
Link
Chat
Audio
Video