barcode

Etwa Oktober 2014 - 29.5.2015

Barcoderaub

Mir steht der Sinn nach einer neuen Dosierhilfe für Waschmittel. Die alte ist sehr verbeult und hat auch schon einen oder zwei Risse. Aber wie es immer so ist mit Anschaffungen, die keinen hohe Spaßfaktor haben, vergeht Zeit: Zuerst hoffe ich mehrere Monate lang, in einer Waschmittelpackung eine Dosierhilfe vorzufinden – manchmal, aktionsweise, ist das ja so. In den letzten Monaten aber leider nicht. Ich beginne also, bei meinen Einkäufen im Drogeriemarkt immer mal nach Dosierhilfen Ausschau zu halten, entdecke aber keine. Irgendwann fällt mir ein, meine Mutter zu fragen. Statt wie erwartet sofort eine von ihr ausgehändigt zu bekommen, schaut sie mich merkwürdig an und sagt: “Die kriegt man doch kostenlos im Internet.”

Ich google „Dosierhilfe“. Der erste Nicht-Anzeigentreffer lautet „Dosierhilfen-Bestellung“. Ich werde weitergeleitet auf ein Bestellformular, alles ist sehr einfach: ich kann „Pulver“ oder „Flüssigwaschmittel“ auswählen, gebe dann meine Anschrift und E-Mail-Adresse an. Die Mailadresse ist wichtig, man bekommt nämlich einen Link geschickt, mittels dessen die Dosierhilfenbestellung noch einmal bestätigt wird. Offenbar kommt es regelmäßig vor, dass böswillige Mitmenschen ihre Opfer mit unautorisierten Dosierhilfenbestellungen überschwemmen – dem ist durch dieses Sicherheitsverfahren ein Riegel vorgeschoben, bzw. eigentlich natürlich nicht, aber egal. Man kann die kostenlose Dosierhilfenbestellentscheidung dann eben noch einmal eine Nacht überschlafen, das schadet nie.

Bei mir kommt es so weit aber zunächst einmal gar nicht, denn ganz unten im Formular soll ich die Nummer des Strichcodes des Produkts, zu dem mir eine Dosierhilfe fehlt, eingeben. Also die Zahlen unter dem Barcode, EAN heißen sie. Mir fehlt zwar eine Dosierhilfe zu allen meinen Produkten, aber ich habe keine EAN zur Hand, ich sitze nämlich auf der Couch und habe keine Lust, aufzustehen. Ich vertage die Bestellung.

Es vergehen wieder einige Wochen. Ab und zu entsinne ich mich der fehlenden Dosierhilfe, jedoch nie zu einem Zeitpunkt, zu dem ich in der Nähe einer passenden EAN wäre. Doch dann ist es so weit, ich stehe im Drogeriemarkt und tippe die Nummer unter dem Barcode eines Waschmittels des entsprechenden Herstellers, das ich nicht kaufe, in das Internetformular. Ein bisschen habe ich ein schlechtes Gewissen, Barcoderaub zu begehen. Aber ich will diese Dosierhilfe!

Alles klappt, ein paar weitere Tage später erinnere ich mich sogar daran, den per Mail erhaltenen Bestätigungslink zu klicken. Dabei werde ich dann plötzlich experimentierfreudig, rufe das Formular nochmal auf und stelle fest, dass ich ganz tatsächlich auch die EAN einer Kekspackung hätte eingeben können, ohne dass das Bestellformular aufmuckt. Eiskalt ausgeblufft vom Waschmittelkonzern. Fast bin ich empört, aber dann denke ich daran, dass ich bald meine Dosierhilfe in den Händen halten werde. Und wenn man mir dann noch eine zweite für Butterspekulatius hinterherschickt, soll es mir auch recht sein.

(Novemberregen)