Samstagabend, 18.58 Uhr. Erwartungsvoll steige ich aus dem Bus; die Frisur sitzt wie immer. Nicht. Beim Betreten des Brauhauses Gröninger schlägt mir Saunaluft entgegen - wie ungerecht, wo die sich leicht abkühlende Abendluft draußen gerade so schön ist. Aber am Pfingstsamstagabend in Hamburg kann man nicht davon ausgehen, mit 25 Personen und ohne Reservierung einen Tisch zu bekommen… und dass am Pfingstsamstag in Hamburg das Wetter gut genug zum Draußenessen ist, konnte ja auch keiner ahnen. Sei’s drum.
Bin gespannt. Die anderen Teilnehmer des Treffens kennen sich zum Teil schon viel länger… und haben bereits den gestrigen Abend und heute den ganzen Tag miteinander verbracht - während ich noch im Büro sitzen durfte. Der Kellner, der mich in die reservierte Ecke führt, fragt, ob ich denn niemanden von der Reservierung persönlich kenne. “Nein”, sage ich, “ich habe ein Blind Date mit 25 Personen… nur das gibt so einen ganz speziellen Kick!”
In der Ecke mit den Teilnehmern des TKDT2012 gibt es ein großes Hallo - und das, obwohl ich unter den Anwesenden nicht eine einzige Katze entdecken kann. Ich begrüße einige meiner liebsten Twitterbekannten und viele für mich ganz unbekannte Gesichter (deren Twitternamen mir aber auch fast alle schon begegnet sind - einigen folge ich sogar!). Die Stimmung ist gut, wenn auch längst nicht so ausufernd wie an den meisten Tischen rundum, wo brasilianische und dänische Fußballfans Sieg und Niederlage zusammen feiern, wie es scheint.
Das Gröninger serviert ganz gutes Bier, hat aber nur eine sehr kleine und sehr fleischlastige Speisekarte… und die Hälfte der angebotenen Gerichte (darunter alle vegetarischen) muss man sich selbst am Büffet holen. Dort steht eine sehr lange Schlange hungriger Menschen, die von einer einzelnen Büffetfachkraft, die alles alleine macht (Fleisch abschneiden, wiegen, Beilagen auffüllen, wiegen, Salat dekorieren, kassieren), versorgt werden. Das dauert. Genau in dem Moment, in dem ich dran bin, ist der Salat alle. Klar. Ich muss also warten. Nicht so schlimm eigentlich, der neue Salat kommt bald, aber die Büffetfachkraft steckt weitere zehn Minuten in der Bestellung einer dänischen Großfamilie fest, bevor sie sich wieder um mich kümmern kann.
Als ich zurück an den Tisch komme, sind alle anderen bereits mit dem Essen fertig. Ich stopfe in Windeseile den mittelmäßigen Salat in mich rein, denn inzwischen wird von der Allgemeinheit der Plan gefasst, dieses anstrengende Etablissement zu verlassen und das Treffen in bzw. vor eine benachbarte Bar zu verlegen, wo man uns gerade einen großen Tisch organisiert.
Im “Porta Nova” gibt man sich rührend viel Mühe, uns unterzubringen. Genügend Platz gibt es auf dem Fußweg vor der kleinen Bar, genügend Sitzgelegenheiten nicht von Natur aus. Aber mit etwas Improvisation wird auch das geschafft und nach wenigen Minuten sitzen wir alle an einem großen Tisch, können uns gegenseitig sehen und hören und auch die milde Abendluft genießen. Zu meiner Freude komme ich neben einer ganz reizenden Hündin zu sitzen, die bei diesem Treffen sein darf, weil sie ihren Twitteraccount in schöner Einigkeit und als Statement gegen Rassismus mit einer (daheim gebliebenen) Katze teilt. Sie wird von ebenfalls sehr liebenswürdigen Menschen begleitet, mit denen ich leicht ins Gespräch komme. Überhaupt sind die Teilnehmer des Treffens - so unterschiedlich sie auch sind - alle sehr sympathisch und entgegenkommend. Und - obwohl natürlich auch und immer wieder über unsere vierbeinigen Freunde und Mitbewohner gesprochen wird - eine große Themenvielfalt herrscht am Tisch auch.
Die Hündin neben mir ist übrigens doch nicht das einzige Tier am Tisch. Obwohl nach wie vor keine einzige Katze zu sehen ist (außer in der einen oder anderen Bilder-Galerie auf dem einen oder anderen Smartphone), machen auch zwei Plüsch-Erdferkel mit uns Party. Offenbar handelt es sich bei diesem Ausflug nach Hamburg auch um ihre Hochzeitsreise. Woher diese Tiere kommen und warum sie bei den Twitterkatzen eingezogen sind, habe ich zwar noch nicht ganz verstanden, aber ich freue mich für das junge Glück.
Die Geschichte der Keinzahnkatzen erzähle ich im Laufe des Abends selbstverständlich auch mehrmals. Und ärgere mich mal wieder darüber, dass es mir in mehr als drei Jahren noch immer nicht gelungen ist, eine Keinzahnkatze beim Gähnen zu fotografieren, denn das wäre mit Sicherheit ein Bild, das ein Betrachter nie wieder vergisst.
Während wir gemütlich unsere Drinks schlürfen und drinnen der European Song Contest in die heiße Phase geht, bahnt sich übrigens bereits der programmatische Höhepunkt des Abends an: Eine Hulatanz-Vorführung. Dafür dürfen wir das Hinter- bzw. Fernsehzimmer der Bar nutzen und sogar den Fernseher kurzzeitig ausschalten.
Ich habe keine Ahnung vom Hula, weiß auch vorher nicht, was uns da erwartet - werde aber auf das Angenehmste überrascht: Eine der Twitterkatzendamen hat diese alte Kunst für sich entdeckt und erforscht sie mit beeindruckender Gründlichkeit und noch viel beeindruckenderer Leidenschaft. Wir dürfen acht verschiedene Tänze sehen und bekommen zu jedem davon eine Portion Details, grundsätzliche Informationen und (kunst-)geschichtliche Einordnung serviert. Die Tänzerin ist übrigens gut, im Einklang mit sich selbst und mit einer Ausstrahlung voller Poesie und Hingabe an eine schöne Sache. Selbstverwirklichung auf eine ganz authentische und uneitle Weise - eine wahre Freude für die Zuschauer.
Parallel zur Punktezählung in Baku und auf der Reeperbahn, die ja heute Abend das Zentrum der deutschen ESC-Beteiligung darstellt, fängt es gegen Mitternacht in dicken Tropfen an zu regnen. Wir flüchten uns nach drinnen, hier im Warmen spüre ich den im Laufe des Abends genossenen Alkohol, der in meinem Körper pulsiert, langsam die Kontrolle übernehmen. Als die Erdferkelbraut ihren Brautstrauß wirft, sehe ich mich entsprechend außerstande, auch nur einen Arm auszustrecken. Na ja, ich wollte sowieso nicht heiraten.
Zwei weitere Stunden später bin ich dann bettreif. Leider mal wieder als eine der ersten in der Runde. Und das, wo ich doch gar nicht morgens durch die Hafencity gelaufen oder nachmittags mit einer Fähre über die Elbe geschippert bin, sondern meinen Tag ganz friedlich im Büro verbracht habe. Egal, dabei sein ist alles, aber man muss auch hören, wenn das Bett ruft. Bei Twitter verfolge ich auf dem Weg noch, wie sich die Party nach meinem Abgang dann allmählich ganz auflöst, und freue mich, so viele interessante neue Leute getroffen zu haben, mit deren Katzen die Keinzahnkatzen ja sowieso in regem Kontakt stehen. Denen ich jetzt zu Hause voller Freude erzählen kann, dass sie sich da 1-A-Freunde ausgesucht haben.


